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24. November 2025

Pierbattista Pizzaballa – «Frieden braucht Zeit»: Jerusalemer Kardinal im Interview

Die Universität Freiburg würdigt Kardinal Pierbattista Pizzaballa mit dem Ehrendoktor in Theologie. Für die Auszeichnung reiste der lateinische Patriarch von Jerusalem eigens in die Schweiz. Im Interview mit SRF spricht er über seine Region zwischen Realität und Hoffnung – und darüber, wie er versucht, den Dialog wiederzubeleben.

 

SRF: Sie und Ihre Gemeinde in Israel und Gaza haben in letzten zwei Jahren Schlimmstes durchlebt. Wie geht es Ihnen heute?

Kardinal Pierbattista Pizzaballa: Okay. Wir sind alle müde. Nicht nur körperlich, auch spirituell, emotional, psychisch. Es ist schwer, einen Ausweg zu sehen. Der Druck war immens, auch auf mich als einen «Pastor», als lokalen Gemeindeleiter.

Es gibt noch Menschen, die anders denken wollen. Sie sind Geistlicher. Können die Religionen Hoffnung schenken in Nahost?

Wenn wir Gläubigen nicht in der Lage sind, ein Wort der Hoffnung zu sprechen und Horizonte zu öffnen mit unserer Sprache, – was macht dann Glaube für einen Sinn? Das Vertrauen ist im Nahen Osten extrem herausgefordert: Zwischen Israelis und Palästinensern gibt es überhaupt kein Vertrauen. Es gibt Hass.

Die Israelis empfinden den 7. Oktober als eine Art «Mini-Schoah», als existentielle Bedrohung. Die Palästinenser wiederum glauben, die Israelis wollten sie alle, ja alle, ins Meer treiben. In diesem Kontext Vertrauen wieder aufzubauen, ist nicht einfach. Klar ist: Die politischen und leider auch die religiösen Institutionen zeigten ihre Schwäche. – Jetzt müssen wir auf die Basisbewegungen vertrauen. Denn es gibt noch Menschen, die anders denken wollen.

Hören Sie hier das ganze Interview.

 

Das Gespräch führte Judith Wipfler.

Quelle: Radio SRF 2 Kultur, Perspektiven, 16.11.2025, 08:30 Uhr ; wipj/minj

 

 

 

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24. November 2025

Unsere neue Leiterin der Geschäftsstelle Gabriela Muff stellt sich vor: «Die Situation im Nahen Osten bewegt mich»

Wir freuen uns sehr, dass wir mit Gabriela Muff eine junge, kompetente und motivierte Nachfolgerin für Elisabeth Janssen gewinnen konnten. Ganz herzlich begrüssen wir Gabriela Muff, die hier erzählt, was sie motiviert, die Geschäftsstellenleitung unseres Vereins zu übernehmen:

Liebe Leserinnen und Leser
Der Geburtsort hat einen grossen Einfluss auf unser Leben. Vor allem wenn ich in andere Länder reise, wird mir bewusst, wie verschiedene Einflüsse und Gegebenheiten Weichen stellen, die kaum mehr anders gestellt werden können, um eigene Wege zu gehen. Die Situation im Nahen Osten bewegt mich schon lange. Umso schöner ist es, dass es Initiativen gibt, die sich für die Schicksale von Menschen einsetzen und Brücken bauen, wo es keine Wege zu geben scheint. Ich freue mich, im Januar die Geschäftsstellenleitung des SHLV zu übernehmen und gemeinsam mit dem Vorstand und allen Interessierten die Arbeit des Vereins weiterzuführen und weiterzuentwickeln. Mir liegt besonders am Herzen, dass wir weiterhin wichtige Projekte unterstützen und damit die Hoffnung und gegenseitigen Respekt in einer schwierigen Region stärken können. Retten kann man nicht die ganze Welt, aber vielleicht einzelne Leben positiv verändern.

Gabriela Muff

 

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24. November 2025

«Unsere Arbeit bleibt fragil»: Die Schwestern von Jabboulé bleiben dran

In einem Rundschreiben blickt Schwester Jocelyne Joumaa auf ein besonders schwieriges Schuljahr 2024/25 zurück: Trotz wirtschaftlicher, politischer und sozialer Heraus­forderungen hätten sich die Verantwortlichen an der bischöf­lichen Schule in Jabboulé «weder für Angst noch für Müdigkeit, sondern für die Hoffnung entschieden».

Trotz schwieriger Umstände blickt die Schule der Schwesterngemeinschaft Unserer Lieben Frau vom Guten Dienst in der Bekaa-Ebene im Nordosten des Libanon auf ein erfolgreiches Schuljahr zurück. Wie die Schulleiterin Schwester Jocelyne berichtet, erhielten die Kinder und Jugendlichen nicht nur Unterricht von hoher pädagogischer und didaktischer Qualität, sondern auch «einen Hauch von Leben, Schönheit und Licht in einer von Prüfungen verdunkelten Zeit».

 

 

Zu den besonderen Momenten des Jahres zählte der Besuch des Apostolischen Nuntius, Erzbischof Paolo Borgia. Der Botschafter des Papstes im Libanon
bezeichnete Schule und Waisenhaus als «ein Zeichen lebendiger Hoffnung im Herzen der Kirche». Zugleich dankte er den Schwestern für ihren Einsatz während des sogenannten Oktoberkriegs, als sie mehr als 850 Vertriebene aufnahmen und versorgten.

Ein Schwerpunkt des Unterrichts lag im vergangenen Jahr auf der Förderung aktiver Staatsbürgerschaft. Mit Besuchen beim Bürgermeister, einer Führung durch die regionale Müllsortieranlage und Exkursionen in verschiedene Landesteile lernten die Schülerinnen und Schüler, Verantwortung für ihre Gemeinschaft und Umwelt zu übernehmen – Staatskunde ganz konkret.

Trotz aller Erfolge bleibt die Situation herausfordernd. «Unsere Arbeit ist noch nicht beendet, sie bleibt fragil – und sie braucht euch weiterhin», schreibt Schwester Jocelyne abschliessend an die Unterstützerinnen und Unterstützer vom Schweizerischen Heiligland-­Verein.

Boris Schlüssel

Vermerk für Ihre Spende: Schule in Jabboulé

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24. November 2025

Bischof Charbel Abdallah ruft um Hilfe: «Dank eurer Unterstützung können wir unseren Dienst fortsetzen»

Leider konnte Bischof Charbel Abdallah aus Tyr unserer Einladung,
an der diesjährigen Generalversammlung teilzunehmen, nicht folgen.
Die anhaltend schwierige politische Situation in seiner Diözese im
Süd­libanon sowie sein Lehrauftrag an der Hochschule in Kaslik bei
Jounieh verhinderten die geplante Auslandsreise. Dennoch konnten wir
Bischof Charbel live erleben: Er wurde per WhatsApp zugeschaltet und
berichtete eindrücklich über die Lage in seiner Region. Drei Wochen
nach unserer Versammlung meldete er sich erneut mit einem dringenden Hilferuf.

+ Bischof Charbel Abdallah und Père Maroun Ghafari besichtigen die Zerstörungen in Alma-Chaab, einem christlichen Dorf in der Nähe der israelischen Grenze.

 

Im Sommer 2025 hatte sich die poli­tische Situation im Südlibanon etwas beruhigt, und die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah sowie der Amal-Bewegung wurden ausgesetzt. Zwar konnten die christlichen Bewohnerinnen und Bewohner in ihre Dörfer und Häuser zurückkehren, doch stehen sie oft vor zerstörten Gebäuden und müssen ohne Strom und fliessendes Wasser auskommen.

Nach dem 7. Oktober 2023 hatten Hisbollah-Kämpfer auch von mehreren christlichen Dörfern aus Mörser gegen israelische Stellungen abgefeuert. Die israelische Armee reagierte mit Artilleriebeschuss auf die von der Bevölkerung fluchtartig verlassenen Ortschaften.

In den meisten Dörfern und Städten sowie entlang der israelischen Grenze im Südlibanon leben mehrheitlich Schiiten. Christinnen und Christen sind in dieser Region eine Minderheit, deren Anteil durch Auswanderung weiter zurückgeht. In der maronitischen Diözese Tyr, die von Bischof Charbel Abdallah geleitet wird, leben heute noch rund 30 000 Gläubige. Das Zusammenleben zwischen den religiösen Gemeinschaften – auch zwischen Christinnen und Christen sowie Schiitinnen und Schiiten – ist im Südlibanon von gegenseitigem Verständnis und Toleranz geprägt. Das bestätigte Bischof Charbel auch in seiner Liveschaltung.

Bischof Charbel berichtete auch von Père Maroun Ghafari, einem seiner Priester, der als Pfarrer in Alma-Chaab, einem Dorf direkt an der israelischen Grenze, tätig ist. Er hatte in den vergangenen Monaten fast die gesamte Zeit in seinem Dorf ausgeharrt und sich nur während des direkten Beschusses kurzzeitig zurückgezogen. Im Sommer begrüsste er die Rückkehrer in seinem Dorf, wie auch Bischof Charbel, der ihn im Rahmen einer Visitationsreise besuchte. Ein grosser Teil des Pfarrzentrums wurde zerstört, ebenso der Traktor, der einst durch Spenden des Schweizerischen Heiligland-Vereins angeschafft worden war. Weite Teile der Felder, die von den Pfarreiangehörigen bewirtschaftet werden, sind durch Phosphorbomben unfruchtbar geworden.

Die Priester der maronitischen Kirche leisten ihre pastorale Arbeit unentgeltlich. Ihren Lebensunterhalt sichern sie durch einen Brotberuf. Viele sind verheiratet und haben Familie, deren Versorgung grosse Anstrengungen erfordert. Oft sind die Ehefrauen ebenfalls berufstätig. Die Wohnverhältnisse sind bescheiden, die medizinische Versorgung eingeschränkt und teuer. Besonders die Ausbildung der Kinder – vor allem ein Studium in Beirut – stellt die Familien vor erhebliche Herausforderungen. Ein Priester bleibt in der Regel ein Leben lang im selben Dorf.

Anfang Oktober erreichte uns ein Schreiben von Bischof Charbel Abdallah, in dem er vom Wiederaufflammen der kriege­rischen Aggression berichtet.

Bischof Charbel schreibt:

Liebe Freundinnen und Freunde
vom Schweizerischen Heiligland-­Verein

Am frühen Morgen des Samstags, dem 11. Oktober 2025, wurde unsere Gemeinde in Msaileh, die zur maronitischen Diözese von Tyr gehört, während rund einer Viertelstunde bei mehreren aufeinanderfolgenden Luftangriffen mit Raketen beschossen.

Diese Angriffe richteten sich vor allem gegen Maschinen und Geräte – wie Bulldozer und andere Baumaschinen –, die für Sanierungs­arbeiten eingesetzt wurden. All diese Geräte befanden sich entlang des Dorfes Msaileh, das am Eingang der maro­nitischen Diözese von Tyr auf der Seite von Zahrani liegt.

Die wiederholten und heftigen Explosionen verursachten erhebliche Schäden an Häusern und Einrichtungen, insbesondere bei den bedürf­tigsten Familien, die in dem betroffenen Gebiet leben.

Vier Stunden nach Ende der Bombardierung begab ich mich persönlich vor Ort, um unsere Gläubigen zu besuchen, ihre Häuser zu besichtigen und das Ausmass der Zerstörung zu erfassen. Ich besuchte jedes einzelne Haus – alle waren in unterschiedlichem Ausmass beschädigt, keines blieb verschont.

Insgesamt sind rund dreissig Häuser betroffen, die allesamt dringend repariert werden müssen, zumal die Regenzeit unmittelbar bevorsteht.

Zu den Schäden zählen zerborstene Glasscheiben und die vollständige Zerstörung von Türen und Fenstern, ob aus Metall oder Holz, die durch die Wucht der Explosionen herausgerissen wurden. Viele Häuser weisen zudem tiefe Risse auf, die dringend ausgebessert werden müssen, um Wassereintritte im Winter zu verhindern. Auch das Mobiliar wurde stark beschädigt, und in einigen Gebäuden sind Decken teilweise eingestürzt.

Während des Beschusses zerbarsten die Fensterscheiben über den schlafenden Bewohnerinnen und Bewohnern und verletzten viele von ihnen schwer. Zahlreiche Verletzte mussten in nahegelegene Spitäler gebracht werden, um dort medizinisch versorgt zu werden.

Angesichts dieser Notlage starten wir heute eine dringende Spendenaktion, um die beschädigten Häuser wieder instand zu setzen. Die betroffenen Familien haben keinen anderen Zufluchtsort.

Wir danken Ihnen, liebe Freundinnen und Freunde des Schweizerischen Heiligland-Vereins, von Herzen für Ihre fortwährende Unterstützung und Ihre Verbundenheit mit uns in der maroni­tischen Diözese Tyr. Dank Ihrer Grosszügigkeit können unsere Familien ihre Würde wiedergewinnen und in Frieden und Sicherheit weiterleben.

Wir wünschen Bischof Charbel und seinen Gläubigen viel Mut und Hartnäckigkeit beim Ausharren in dieser umkämpften Region. Wir lassen sie nicht allein und werden sie, zusammen mit Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, nach unseren Möglichkeiten unterstützen. Vielen Dank für Ihre Solidarität mit den Christinnen und Christen im Süd­libanon.

Andreas Baumeister

Vermerk für Ihre Spende: Aufbau im Südlibanon

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25. August 2025

Internationales Meeting in Rom: Klare Worte für den Frieden von Papst Leo XIV.

Einmal im Jahr treffen sich in Rom Vertreterinnen und Vertreter katholischer Hilfswerke, die sich für die orientalischen Christinnen und Christen engagieren. Nach einer pandemiebedingten Pause nahmen vom 24. bis 26. Juni 2025 Hans Rahm für den Schweizerischen Heiligland-Verein und Dr. Maria Brun für die Catholica Unio Schweiz an der Tagung teil.

Fotograf Edgar Beltrán, Wikimedia
Fotograf Edgar Beltrán, Wikimedia

 

Am Dienstagvormittag berichteten führende kirchliche Vertreter aus dem Nahen Osten über die Lage im Heiligen Land. Aufgrund des anhaltenden Krieges in Gaza konnten Patriarch Pierbattista Pizzaballa, lateinischer Patriarch in Jerusalem, und der Kustos des heiligen Landes P. Francesco Patton nicht persönlich anreisen und wandten sich mit eindringlichen Botschaften per Videokonferenz an die Teilnehmenden der ROACO (Riunione delle Opere di Aiuto per le Chiese Orientali). Am Dienstagnachmittag lag der Schwerpunkt auf Armenien.

 

 

Am Mittwochvormittag schilderten der Apostolischer Vikar von Aleppo, und der maronitische Erzbischof derselben Stadt, ihre Einschätzung zur Lage in Syrien – nur drei Tage nach dem Selbstmordanschlag in der Mar-Elias-Kirche in Damaskus. Die Christinnen und Christen blicken mit grosser Sorge auf die Entwicklung in einem Land, das nun von einer islamistischen Bewegung regiert wird. Am Nachmittag stand die Situation in Äthiopien im Mittelpunkt, wo in den vergangenen zwei Kriegsjahren Tausende Menschen ums Leben kamen und Millionen innerhalb des Landes vertrieben wurden.

Klare Worte des Papstes bei der Audienz

Am Donnerstagmorgen prangerte Papst Leo XIV. in seiner Audienz für die ROACO in scharfen Worten das weltweite Abweichen vom internationalen und humanitären Recht im Zusammenhang mit Kriegen an. Mit Blick auf den Nahen Osten, die Ukraine und andere Konflikt­regionen sprach er von einer «Schande für die Menschheit». Deutlich warnte der Papst vor absichtlich verbreiteten Falschmeldungen über Kriege und deren Ursachen. Solche Machwerke müssten «entschlossen entlarvt» werden, denn: «Menschen dürfen nicht wegen Fake News sterben.»

Hans Rahm

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25. August 2025

Gespräch mit Jamal Shehade: «In den schwierigsten Momenten zeigt sich die wahre Stärke unserer Gemeinschaft»

Haifa nach dem 12-Tage Krieg gegen den Iran

Seit vielen Jahren leitet Jamal Shehade das Haus Gnade in Haifa. In diesem Interview berichtet er über den sozialen Zusammenhalt über alle religiösen und ethnischen Gräben hinweg in einer schwierigen Zeit.

Jamal Shehade, Leiter von Haus Gnade, Haifa
Jamal Shehade, Leiter von Haus Gnade, Haifa

 

Jamal, wie habt ihr und die Menschen in Haifa die Bedrohung durch den Krieg zwischen Israel und dem Iran im vergangenen Juni erlebt?
Die Situation ist bis heute herausfordernd. Haifa wurde mehrfach angegriffen, und die Menschen sind verängstigt. Schulen und viele Arbeitsplätze mussten schliessen während dieses 12-tägigen Kriegs schliessen, weil es nicht genügend Schutzräume gibt. Der Krieg und die Raketenangriffe haben die Spannungen zwischen Arabern und Juden in der Stadt weiter verstärkt – das können wir nicht leugnen.

 

Die Integration von ehemaligen Strafgefangenen ist eine wichtige Aufgabe des Teams von Haus Gnade.
Die Integration von ehemaligen Strafgefangenen ist eine wichtige Aufgabe des Teams von Haus Gnade.

 

Was stimmt dich hoffnungsvoll?
Wir sehen auch bewusste Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern beider Seiten, die sich weigern, diese Spaltung zu akzeptieren. Menschen organisieren Begegnungen, um als Bürger Haifas zusammenzustehen und Brücken zu bauen, statt Mauern.

Was habt Ihr gelernt?
Trotz aller Herausforderungen versuchen wir, bestmöglich mit der Situation umzugehen – nicht weil es einfach ist, sondern weil wir eine Entscheidung getroffen haben: Wir wollen nicht zulassen, dass Angst und Hass unsere gemeinsame Zukunft in dieser Stadt bestimmen.

Wie ist eure Haltung – und die Haltung der israelischen Christinnen und Christen in Haifa – gegenüber der Regierung Netanjahus?
Die aktuelle Regierung stellt besondere Herausforderungen für die arabische Gemeinschaft im Allgemeinen und für Christinnen und Christen im Besonderen dar. Die Situation ist äusserst komplex. Einerseits sehen manche Christen Israel als einen sicheren Ort im Nahen Osten, insbesondere angesichts der Entwicklungen in der Region. Andererseits erleben wir Angriffe rechtsextremer Gruppen auf heilige Stätten, und die meisten Christen unserer Gemeinschaft verstehen sich als Teil der arabischen Gesellschaft in Israel, die stark unter dem Radikalismus rechtsextremer Aktivisten und Parteien leidet.

Wie ist die Situation im Haus Gnade?
Als Haus Gnade konzentrieren wir uns auf den Menschen – unabhängig von Politik oder Zugehörigkeit. Wir streben danach, Brücken zu bauen und Hoffnung zu geben. Unser Ziel ist es, durch unseren Dienst an allen Menschen ein echtes Beispiel christlichen Lebens zu sein. Das ist unser Beitrag in dieser komplexen Zeit: praktische Nächstenliebe zu leben, die über alle Grenzen hinausgeht.

Wie ist die Lebenssituation der arabischen Israeli im Moment hinsichtlich ihrer Rechte?
Die Herausforderungen sind enorm. Die derzeitige Regierung ist sehr rechtsorientiert und fördert die Bedürfnisse der arabischen Gesellschaft kaum. Das zeigt sich in verschiedenen Gesetzen sowie im Mangel an Massnahmen gegen die hohe Gewalt- und Kriminalitätsrate in der arabischen Gemeinschaft, die von organisierten kriminellen Gruppen geprägt ist. Die Meinungsfreiheit ist stark eingeschränkt.

Und die Situation auf dem Arbeitsmarkt?
Die steigenden Spannungen führen dazu, dass Mitglieder der arabischen Gesellschaft immer weniger als normale Bürger wahrgenommen werden. Das wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus, die Atmosphäre ist oft angespannt.

Wie gestaltet sich das Zusammenleben zwischen jüdischen, muslimischen und christlichen Gemeinschaften in Haifa?
Haifa war schon immer eine Stadt des Zusammenlebens. Trotz der jüngsten Spannungen finden die Bewohner Haifas stets Wege, diese zu überwinden und versuchen, jede Attacke auf die einzigartige Gemeinschaftsstruktur abzuwehren.

 

Wir wollen durch unseren Dienst an allen Menschen ein echtes Beispiel christlichen Lebens sein.
«Wir wollen durch unseren Dienst an allen Menschen ein echtes Beispiel christlichen Lebens sein.» Jamal Shehade

 

Kannst du ein Beispiel für dieses Zusammenstehen nennen?
Als unsere Kirche durch einen Raketenangriff beschädigt wurde, boten Menschen aller Religionen und Hintergründe Hilfe an und unterstützten uns. Das macht Haifa besonders: In den schwierigsten Momenten zeigt sich die wahre Stärke unserer Gemeinschaft. Menschen überschreiten religiöse und ethnische Grenzen und handeln als Nachbarn und Freunde.

Inwieweit sind eure Projekte von den Kriegen in Gaza und gegen den Iran betroffen? Könntet ihr dies anhand der verschiedenen Projekte verdeutlichen?
Integration ehemaliger Gefangener: In solchen Zeiten konzentrieren wir uns darauf, mit Ängsten umzugehen – etwa der Angst, die Familie zu verlieren, persönliche Kriegsängste und Spannungen am Arbeitsplatz. Das erfordert zusätzliche Anstrengungen unseres Personals, das auch nachts erreichbar sein muss, wenn Alarme oder Sirenen ertönen.

Freizeitbetreuung für Kinder und Jugendliche: Wir müssen uns hier vor allem mit den Ängsten der Kinder und Jugendlichen auseinandersetzen – etwa den Spannungen zu Hause, den Ängsten der Eltern, dem Mangel an Schutzräumen, Schulschliessungen und dem Fehlen eines sicheren Rahmens in Krisenzeiten. Wir haben unsere Arbeit angepasst, um mehr psychologische und soziale Unterstützung anzubieten, konnten jedoch nur begrenzt Aktivitäten durchführen, da die Schutzräume in unseren Standorten knapp sind. Der nächste Schutzraum ist etwa fünf Minuten zu Fuss entfernt, was den Weg für Gruppen von Jugendlichen erschwert.

Besuche armutsbetroffener Familien: Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges haben noch mehr Familien in Not geraten lassen. Wir verteilen mehr Lebensmittelpakete und bieten praktische Hilfe an. Besonders der Raketenangriff vom 20. Juni hat gezeigt, wie wichtig unsere Nothilfemaßnahmen sind.

Wie ist die Situation bei deinen Geschwistern?
Natürlich war auch die Familie Shehade in dieser Zeit nicht unberührt, vor allem, nachdem eine Rakete in die Nähe unseres Hauses Gnade einschlug – in dem wir aufgewachsen sind. Dennoch stehen wir zusammen und versuchen, es unserer Familie und den Kindern zu erleichtern. Wir sind alle aktiv in verschiedenen Hilfseinrichtungen und halten die Arbeit im Haus Gnade aufrecht.

Habt ihr schon an Auswanderung gedacht?
Natürlich. Doch der Prozess ist langwierig. Die Frage ist, in welchem Land eine Zukunft für uns möglich wäre, ob wir Arbeit und Schulplätze finden würden. Auch die Sprache stellt ein Hindernis dar, und die Kosten wären hoch.

 

Das Haus Gnade verteilt auch Kleider und Lebensmittel an armutsbetroffeneMenschen.
Das Haus Gnade verteilt auch Kleider und Lebensmittel an armutsbetroffene Menschen.

 

Haifa bleibt eure Heimat?
Ja, wir sehen hier wir unsere Berufung. Trotz der Schwierigkeiten ist uns bewusst, wie wichtig unsere Arbeit ist. Gerade jetzt, da Spaltung und Hass gesät werden, brauchen wir Menschen, die Brücken bauen. Wir bleiben, weil wir glauben, dass Gott uns hierhin gestellt hat, um Hoffnung zu bringen und das Zusammenleben zu fördern.

Kannst du eine Geschichte erzählen, die zeigt, dass euer Engagement sich lohnt?
Was uns bestärkt, ist die Verbindung der Menschen zum Haus Gnade – besonders in solchen schweren Zeiten. Das ist der wahre Wert unseres Dienstes: Menschen unterstützen andere durch uns, weil sie Vertrauen in unsere Arbeit haben.

Welche Unterstützung wünscht ihr euch von uns?
Zuallererst bitten wir um eure Gebete. Wir müssen unsere Gebete laut und deutlich ausdrücken, um die Kriege, das Leiden, den Tod, den Hass und die Gewalt in unserer Region zu beenden.
Und wir danken für eure grosszügige Unterstützung über viele Jahre hinweg. Wir hoffen, dass euer Vertrauen in uns weiterhin bestehen bleibt. Ihr seid unsere Partner, und wir sind dankbar für jede Form der Unterstützung. Besonders schätzen wir es, zu wissen, dass Menschen in anderen Ländern an uns denken und für uns beten.

Und sonst?
Eine unserer dringendsten Bedürfnisse ist der Bau eines Schutzraums auf dem Gelände vom Haus Gnade – als Reaktion auf den Krieg. Dieser Prozess wird eine beträchtliche Summe kosten, und wir sind dankbar für jede Unterstützung.

Vielen Dank, Jamal, für das Gespräch!
Andreas Baumeister

Vermerk für Ihre Spende: Haus Gnade

 

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22. Mai 2025

Lateinischer Patriarch von Jerusalem wird Ehrendoktor der Uni Fribourg

Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, lateinischer Patriarch von Jerusalem, wird Ehrendoktor der theologischen Fakultät der Universität Fribourg. Die Verleihung erfolgt am Dies academicus im November.

 

Der 60-jährige Erzbischof Pizzaballa ist in der breiten Öffentlichkeit für sein Engagement im Nahen Osten bekannt und einer der jüngsten wahlberechtigten Kardinäle im Konklave , das den Nachfolger von Papst Franziskus wählen soll . Die Ankündigung der Theologischen Fakultät erfolgt am Vorabend dieses wichtigen Ereignisses für die katholische Kirche, dem Konklave, das am Nachmittag des 7. Mai beginnt.

Foto: Wikipedia, Fotograf Giovanni Zennaro

 

Kardinal Pizzaballa selbst gehört zu den Kardinälen, die von seinen Mitbürgern am ehesten als zukünftiger Papst anerkannt werden . Seine weltweite Bekanntheit hat mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt stark zugenommen, doch der italienische Franziskaner hat im Heiligen Land schon seit langem eine herausragende Stellung inne, zunächst als Hüter der Franziskaner, dann als Patriarch, der von Papst Franziskus ernannt wurde, um in einem in Schwierigkeiten geratenen Patriarchat wieder Ordnung zu schaffen. Dieser kultivierte und respektvolle Mann ist seit 2023 Kardinal und hat es geschafft, seine franziskanische Einfachheit zu bewahren.

Quelle: kath.ch

Zum Artikel: https://www.cath.ch/newsf/la-faculte-de-theologie-de-fribourg-honore-le-cardinal-pierbattista-pizzaballa/

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22. Mai 2025

Der Mönchsvater Antonios und der Patriarch Athanasios von Alexandrien

Das Antoniuskloster (Deir al-Anba-Antunius) liegt in den Bergen der östlichen Wüste Ägyptens, 30 km vom Roten Meer. Es ist auf 350 m über Meer am Fusse des Berges Qolzoum, von dem man auf 1000 m einen wunderbaren Ausblick auf das Rote Meer und den Sinai hat. Das benachbarte Pauluskloster (Deir al-Anba-Pola) liegt in südöstlicher Richtung in 25 km Luftlinie, doch hinter einem unwegsamen bergigen Gebiet.

305 verliess Antonios seine erste Einsiedelei in Pispir in der Nähe von Beni Suef und zog sich vor den immer zahlreicher werdenden Besuchern zurück in die «innere Wüste». Er zog in eine Grotte nahe einer Quelle am Fusse des Berges Qolzoum. Bald folgten ihm Schüler und liessen sich bei ihm in halbanachoretischer Weise in einer Laura nieder. Die Mönche leben jeder in seiner Einsiedelei und versammeln sich am Sonntag, um die Gottesdienste zu feiern und zusammen zu essen.

 

 

Athanasios wird Schüler von Antonios

Dort lernte ihn Athanasios kennen, als er mehrere Jahre als Schüler bei Antonios lebte. Athanasios wurde 296, 298 oder 300 in eine christliche Familie in Alexandrien geboren und genoss eine breite philosophische und theologische Bildung. Schon früh wurde er vom noch jungen Mönchtum angezogen und übte sich selbst in Askese. Von den Mönchen lernte er Selbstdisziplin und eine Enthaltsamkeit, für die er sogar von seinen Feinden geachtet wurde. In jungen Jahren kam er in den Haushalt des Patriarchen Alexander von Alexandria und nach seiner Rückkehr aus der Wüste wurde er mit 23 Jahren dessen Sekretär.

Mit seinem Bischof Alexander nahm er 325 am Konzil in Nizäa als Diakon teil und wurde am 8. Juni 328 dessen Nachfolger. Mehrere Jahre machte er Pastoralbesuche in den Mönchsgemeinschaften in ganz Ägypten. Dabei versicherte er sich auch, dass die Mönche das in Nizäa beschlossene Glaubensbekenntnis kennenlernten und die Gefahr der abweichenden Aussagen der Arianer verstanden.

Arius droht die Kirche zu spalten

Arius, geboren um 260 im heutigen Libyen, war Pfarrer des Alexandriner Vorortes Boukolou. Er war ein guter Prediger und verfasste Liedtexte zu bekannten Seemannsliedern. Wie andere Stadtpfarrer verstand er sich in der akademischen Tradition der Alexandriner Katechetenschule und scharte zahlreiche Anhänger um sich. Seine neuplatonische Ausdrucksweise, dass Jesus Christus zwar das göttliche Wort sei, aber als Sohn nur geschaffen sei, wurde von Bischof Alexander sanktioniert.

Das sich anbahnende Schisma drohte die noch junge Kirche nicht nur in Ägypten, sondern im ganzen römischen Reich zu spalten. Nach Jahrzehnten blutiger Verfolgung war das Christentum erst 313 im Edikt von Mailand toleriert worden, und Kaiser Konstantin förderte es als einigende Religion des Reiches. Die Auseinander-setzungen um die Stellung Jesu Christi zu Gott dem Vater waren 325 einer der Hauptgründe für seine Einberufung des ersten Konzils für die ganze bewohnte Erde, da die lokalen Synoden keine Einigung gebracht hatten.

Die Lehren von Arius wurden auf dem Konzil als häretisch erklärt und er selber verbannt. Er fand jedoch bei Eusebius von Nikomedien, der später Patriarch von Konstantinopel wurde, Unterstützung. Arius unterschrieb drei Jahre nach dem Konzil ein Bekenntnis zur Theologie von Nizäa, und Athanasios, erst vor kurzem Bischof von Alexandrien geworden, erlaubte seine Rückkehr, doch er starb vorher.

Wirren im Streit um den Arianismus

Die Parteigänger von Arius genossen jedoch grossen Einfluss am kaiserlichen Hof. Auch in der ägyptischen Kirche vertraten viele Bischöfe, Priester und Mönche arianische Ideen. Sie kritisierten Unregelmässigkeiten bei der Wahl von Athanasios zum Patriarchen und dass er mit knapp 30 Jahren noch zu jung war. Sie warfen ihm auch harsches Vorgehen gegen Gegner in der Kirche vor. 335 wurde Athanasios auf der Synode von Tyrus abgesetzt und nach Trier verbannt. Nach dem Tod Konstantins hob sein Sohn Konstantin II. im Mai 337 die Verbannung auf, und Athanasios konnte den Patriarchenstuhl in Alexandrien wieder in Besitz nehmen.

Antonios hörte davon, dass die Arianer die Lüge ausstreuten, er denke wie sie. Er wurde von den Bischöfen gerufen und kam vom Berg herunter nach Alexandrien und verdammte die Arianer. «Er belehrte das Volk, der Sohn Gottes sei kein Geschöpf, noch sei er aus dem Nichtseienden geworden, sondern das Wort und die Weisheit seien ewig vom Wesen des Vaters.»

Nach Unruhen in Alexandrien wurde Athanasios 339 vom oströmischen Kaiser Constantius II. verbannt. Er verbrachte die nächsten sieben Jahre in Rom und Aquileia und knüpfte gute Beziehungen zu Papst Julius I. und zum römischen Klerus. Athanasios führte sein asketisches Leben fort und berichtete den Interessierten wie der Römerin Marcella von Antonios und den Gemeinschaftsklöstern des Pachomius in Oberägypten.

Athanasios wurde 341 zusammen mit Bischof Markell von einer römischen Synode rehabilitiert. Dies führte auf der Reichssynode von Serdica dazu, dass sich die westlichen und die östlichen Kirchenvertreter an verschiedenen Orten versammelten. Die von den beiden Kaisern Constans und Constantius II. geplante Einigung zur Überwindung der arianischen Krise misslang. Constans drängte seinen Bruder Constantius II. jedoch dazu, Athanasios nach Alexandrien zurückkehren zu lassen. Im Herbst 346 traf er schliesslich ein und übernahm wieder den Bischofsstuhl.

Constans wurde 350 ermordet. Constantius II. drückte auf der Synode von Mailand 355 durch, dass Athanasios, der Störenfried, der sich allen theologischen Kompromissen bei der Bekenntnis-Formel energisch widersetzte, verurteilt wurde. Athanasios floh
356 in den Untergrund und versteckte sich bei den Wüstenmönchen in Oberägypten.

Athanasios verfasst die Vita Antonii

In dieser dritten Verbannungszeit verfasste Athanasios mehrere theologische Werke und insbesondere auch die Lebensbeschreibung des Mönchsvaters Antonios, der 356 mit 105 Jahren im Kreise seiner Mönchsschüler in den Bergen am Roten Meer gestorben war.

Athanasios verfasste 357 auf Griechisch die Vita Antonii, um den Mönchen im Westen, über «den Lebenswandel des seligen Antonios, wie er mit der Askese anfing, wie er vor ihr gewesen ist und welches sein Lebensende war» zu berichten. Der antiochenische Presbyter Evagrius übersetzte sie ins Lateinische, wahrscheinlich in Rom, wo er bei seinem Freund Hieronymus lebte. Augustinus von Hippo wurde durch die Lektüre der Lebensbeschreibung des Antonios zu seiner Bekehrung angeregt. Bald gab es auch Übersetzungen ins Koptische, Syrische, Armenische und Georgische. Die Antonios-Vita hatte einen grossen Einfluss auf die Entwicklung von Klöstern im Westen und im Osten des Reiches.

Antonios wurde 251 als Sohn einer christlichen Freibauernfamilie in Mittelägypten geboren. Sie bewirtschafteten rund 60 Hektaren Land. Als er 18 oder 20 Jahre alt war, starben seine Eltern. Antonios kümmerte sich um den Hof und seine kleinere Schwester. Sechs Monate nach dem Tod der Eltern hörte er in der Kirche das Wort aus dem Evangelium: «Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib das Geld den Armen; so wirst du einen bleibenden Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach.» (Mt 19,21)

Antonios schenkte sein Land den Einwohnern seines Dorfes und verkaufte seine Besitztümer. Seine Schwester brachte er bei einer Gemeinschaft von Jungfrauen unter. Er zog sich 275 in eine Hütte am Randes des Dorfes zurück. Dann zog er weiter in eine Grabkammer. Immer mehr Leute kamen zu ihm, um Rat zu suchen oder sich heilen zu lassen. Jünger wollten von ihm das asketische Leben lernen und liessen sich in seiner Nähe nieder.

Schliesslich zog sich Antonios 305 in die innere Wüste in den Bergen am Roten Meer zurück. Doch auch dorthin folgten ihm seine Schüler und bildeten eine lockere Eremitengemeinschaft. Er verliess die Grotte in der Nähe der Quelle und blieb während der Woche in einer Höhle am Berg eine knappe Stunde über dem Kloster.

311 verfolgte Maximinus Daja Christen und liess sie nach Alexandrien bringen. Antonios ging nach Alexandrien, um die Glaubensschwestern und -brüder zu bestärken und vielleicht selber das Martyrium zu erlangen. Er besuchte die Bekenner in den Bergwerken und Gefängnissen. Der Richter befahl, dass kein Mönch vor Gericht erscheinen dürfe und in der Stadt bleiben dürfe. Doch Antonios wusch sein Obergewand und stellte sich an einen erhöhten Platz, gut sichtbar für den Vorsitzenden. Doch ihm war
ein anderes Zeugnis vorbestimmt, und so kehrte er zu seinen Schülern ins Kloster zurück.

Die beiden Mönchsväter Antonios und Paulus von Theben

Mit 90 Jahren, so schreibt Hieronymus in seiner Vita des Paulus von Theben, habe Antonios im Traum den Eremiten Paulus gesehen,
der seit über fünfzig Jahren in der Wüste lebte und ein viel tugendhafterer Mönch als Antonios sei; er solle ihn besuchen. Er machte sich auf und fand Paulus am dritten Tag in dessen Höhle. An diesem Tag soll der Rabe, der Paulus jeden Tag ein halbes Brot brachte, ein ganzes gebracht haben. Sie teilten es, indem jeder seine Hälfte ergriff und sie es so brachen.

Nach einer Nacht des gemeinsamen Lobopfers eröffnete der 113-jährige Paulus dem Mönchsvater Antonios, dass er schon lange gewusst habe, dass er in der Gegend wohne. Antonios sei von Gott gesandt worden, um seinen armseligen Leib mit Erde zu bedecken. Paulus bat Antonios, er solle den Mantel holen, den Athanasios ihm gegeben hatte, um ihn darin zu begraben.

Ohne seinen Jüngern Antwort zu geben, holte Antonios den Mantel aus seiner Zelle und machte sich sofort auf den Rückweg. Noch drei Stunden entfernt von der Höhle des Paulus habe er ihn von Engeln getragen in den Himmel steigen sehen. Er fand Paulus auf Knien aufrecht im Gebet. Er legte ihm den Mantel des Athanasios an und suchte nach einer Möglichkeit, Paulus zu begraben. Zwei Löwen kamen aus der Wüste und brüllten ihre Trauer heraus. Dann scharrten sie den Boden auf und hoben eine Grube aus. In diese legte Antonios den Leichnam von Paulus und bedeckte ihn mit Erde. Die Tunika aus Palmwedeln des Paulus nahm er zurück ins Kloster und zog sie jeweils zum Oster- und zum Pfingstfest an.

Hieronymus – Biograph von Paulus von Theben und Bibelübersetzer

Hieronymus schrieb die Vita Paulii neben anderen Heiligen-berichten in seinen frühen Jahren um 376. Er wurde 348/349 in Stridon/Dalmatien geboren. Nach Studien in Rom lebte er drei Jahre als Asket in Syrien, kehrte dann nach Rom zurück und wurde Sekretär und Archivar von Papst Damasus I. In seinem Auftrag begann er mit der Neuübersetzung der Bibel ins Lateinische, der später massgeblich werdenden Vulgata. Mit einer Gruppe von Mönchen sowie der römischen Aristokratin Paula und ihrer Tochter Eustochium unternahm er eine Pilgerreise nach Palästina und zu den Klöstern Ägyptens. Danach gründete er mit der Unterstützung von Paula die Klosteranlage in Bethlehem. Hieronymus widmete sich dem Bibelstudium in verschiedenen Sprachen und schrieb mehrere Kommentare zu biblischen Büchern. 420 starb er in Bethlehem.

Die Grotte des Mönchsvaters Antonios

Mit 105 Jahren starb Antonios 356 umgeben von seinen Mönchsschülern. Über seiner Grotte nahe der Kloster-Quelle wurde die erste Kirche des Klosters errichtet. Auf dem Eingangsbogen wurden Wandmalereien aus dem sechsten Jahrhundert freigelegt. Die Wände der Antonios-Kirche sind mit eindrücklichen Wandmalereien ausgeschmückt, die von Theodor und seinen Schülern 1232-1233 ausgeführt wurden und 1996-1999 freigelegt wurden, nachdem sie Jahrhunderte lange unter Putzschichten verborgen waren.

Die Hauptkirche des Paulusklosters wurde über der Höhle von Paulus von Theben errichtet. Dieses Kloster wurde zeitweise vom Antoniuskloster aus betreut. Es wurde nicht durchgehend von Mönchen bewohnt wie das Antoniuskloster. Heute leben in beiden Klöstern je über hundert Mönche.

Athanasios konnte 362 nach Alexandrien zurückkehren. Doch wenige Monate später änderte der heidnische Kaiser Julian seine Politik und Athanasios musste wieder fliehen. Im Juni 363 starb Kaiser Julian. Ein letztes Mal wurde Athanasios unter dem oströmischen Kaiser Valens von 365 bis 366 aus Alexandrien verbannt. Am 2. Mai 373 starb Athanasios in Alexandrien.

Athanasios – 20. Patriarch von Alexandrien und Papst der Kopten

Athanasios wird als 20. Patriarch von Alexandrien und Papst der koptisch-orthodoxen Kirche verehrt. Sein Einsatz für den wahren Glauben war unermüdlich. Im Gedächtnis der Heiligen in der koptischen Liturgie heisst es: «Gedenke gnädig, o Herr, all Deiner Heiligen, die Dir von Anbeginn wohlgefallen haben: … des heiligen Athanasios, des Apostelgleichen, … der 318 Versammelten zu Nikaia, … und unseres Vaters, des gerechten Abba Antonios des Grossen, des rechtschaffenen Abba Paul … und aller Reihen deiner Heiligen. Durch ihre Gebete und Fürbitten für uns, hab Erbarmen mit uns allen. Errette uns um deines Namens willen, der über uns gerufen ist.»

Hans Rahm

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22. Mai 2025

Mashta Azar in Syrien – Einweihung des renovierten Liebfrauenklosters

Am 25. März 2025 war es endlich so weit: Erzbischof Georges Khawam konnte mit der ganzen Bevölkerung des Dorfes Mashta Azar im Tal der Christen in Syrien das renovierte Liebfrauenkloster als neues Pfarrei­zentrum einweihen. Die Spenderinnen und Spender des Schweizerischen Heiligland-Vereins unterstützten insbesondere die Sanierungsarbeiten der Kindertagesstätte.

 

Anfangs Juni 2024 begannen die Handwerker aus dem Dorf mit den Arbeiten. Eigentlich hätten sie bis Mitte Oktober fertig werden wollen. Doch dann öffnete sich unter der Terrasse ein seit Jahren vergessen gegangener Vorratsraum. Die Stromversorgung funktionierte nur zwei Stunden pro Tag. Statt einen teuren Stromgenerator zu mieten, wurden Solarzellen montiert, um die Maschinen länger einsetzen zu können. Am 28. Dezember waren die Renovationsarbeiten dann abgeschlossen.

Sanierungs- und Renovationsarbeitenim Pfarreizentrum des Liebfrauenklosters in Mashta Azar.
Sanierungs- und Renovationsarbeiten im Pfarreizentrum des Liebfrauenklosters in Mashta Azar.

 

 

Die Einweihung war für den 9. Dezember 2024 vorgesehen. Doch einige Tage davor begann der überraschende Angriff der Gegner des Assad-Regimes. Die grossen Städte Aleppo, Homs, Hama und dann Damaskus wurden fast kampflos erobert.

Erzbischof Georges Khawam schreibt, dass die Militärbehörden die religiösen Führer um Unterstützung gebeten haben, damit sich die christliche Bevöl­kerung im Tal der Christen ruhig verhält. Sie sollten nicht bewaffnet auf die Strasse gehen, da Kämpfer in die Region kommen würden, die aber keine kriegerische Absicht hätten. «Nach mehreren Beratungen begannen wir mit dem keines­wegs einfachen Prozess der Befriedung, der Beruhigung unserer Pfarreimitglieder und der Abgabe von Empfehlungen.»

 

Frisch renoviertes imPfarreizentrum des Liebfrauenklosters in Mashta Azar.
Frisch renoviertes im Pfarreizentrum des Liebfrauenklosters in Mashta Azar.

 

 

Die hartnäckigsten Waffenträger unter der Bevölkerung wurden mit Autorität aufgefordert, die Idee fallen zu lassen und das Leben der Menschen in der Region zu schonen. «Es gelang uns, die Enthusiasten zu entmutigen, diejenigen, die nicht der Meinung der Mehrheit waren, aufzufordern, die Region zu verlassen, und uns selbst für die Sicherheit der­jenigen zu verbürgen, die zwar Waffen hatten, sich aber bereit erklärten, in ihren Häusern zu bleiben.» Am Sonntag, dem 8. Dezember 2024, wurde am frühen Morgen nach einer schlaflosen Nacht bekannt, dass Assad aufgegeben hatte und aus dem Land geflohen war. Die Einweihung des Klosters musste verschoben werden.

Erzbischof Georges Khawam von Latakia weihte am 25. März 2025das neue Pfarreizentrum ein.
Erzbischof Georges Khawam von Latakia weihte am 25. März 2025 das neue Pfarreizentrum ein.

 

Die Kindertagesstätte nahm ihren Betrieb noch im Dezember auf. Die Unterkunft der kleinen Nonnengemeinschaft und die Versammlungsräume wurden ebenfalls renoviert. Die Unterbringungsräume für die Pfadfinder sind nun wieder bereit, Gruppen zu empfangen. Dank der grosszügig eingegangenen Spenden konnte ein Restbetrag für die Anschaffung von Mobiliar verwendet werden. Das Pfarreizentrum kommt der melki­tischen griechisch-katholischen Pfarrei, aber auch der griechisch-orthodoxen Pfarrei und der ganzen Dorfgemeinschaft zugute. Erzbischof Georges Khawam dankt auch im Namen des Pfarrers von Mashta Azar und der ganzen Pfarrei für die namhafte Unterstützung. Eine Gedenktafel erinnert an die Grosszügigkeit der Spenderinnen und Spender des Schweizerischen Heiligland-Vereins.

Hans Rahm

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22. Mai 2025

Interview mit dem Regionaldirektor der Päpstlichen Mission für Palästina

Seit vielen Jahren arbeitet der Schweizerische Heiligland-Verein (SHLV) mit der Päpstlichen Mission für Palästina (PMP) in Ostjerusalem zusammen. Andreas Baumeister hat den Regionaldirektor der PMP, Joseph Hazboun, gefragt, wie die aktuelle Lage in den besetzten palästinensischen Gebieten ist, wie das medizinische Notfallprogramm für Menschen in Bethlehem angelaufen ist, das der SHLV unterstützt, und welche Hilfe jetzt am dringendsten ist.

«Dauerhafte Sicherheit setzt einen gerechten Frieden voraus»

Joseph Hazboun, wie ist die aktuelle politische Lage im Westjordanland?

Die Situation dort ist katastrophal. Die Koalition von Premierminister Benjamin Netanjahu mit rechtsextremen Parteien lässt die Gewalt im Westjordanland gegen Palästinenserinnen und Palästinenser immer weiter eskalieren. Siedler greifen Bauern an, blockieren den Zugang zum Ackerland und bauen die illegalen Siedlungen aus. Pläne zur Annexion des Westjordanlandes drohen die Palästinensische Autonomiebehörde aufzulösen. Israel hat bereits die Arbeitsgenehmigungen in Israel gestoppt und die palästinensischen Arbeiter durch ausländische Arbeitskräfte ersetzt.

Führungstrio der Päpstlichen Mission für Palästina in ihrer Geschäftsstelle in Ostjerusalem: v.l.n.r.: Regionaldirektor Joseph Hazboun, Vorsitzender Kardinal Timothy Dolan und Präsident Msgr. Peter Vaccari
Führungstrio der Päpstlichen Mission für Palästina in ihrer Geschäftsstelle in Ostjerusalem: v.l.n.r.: Regionaldirektor Joseph Hazboun, Vorsitzender Kardinal Timothy Dolan und Präsident Msgr. Peter Vaccari

 

Und in Ostjerusalem?

In Ostjerusalem hat Israel die Verbindungen zum Westjordanland gekappt und bringt so eine Generation von «Jerusalemern» hervor, die von der palästinensischen Identität abgekoppelt sind.

Wie wirkt sich der Gazakrieg in diesen Gebieten aus?

Der Gazakrieg hat die Wirtschaft in Bethlehem, der Heimat der meisten palästinensischen Christinnen und Christen, lahmgelegt. Da der Tourismus eingebrochen ist und die Arbeitsgenehmigungen widerrufen wurden, haben die Familien seit 18 Monaten kein Einkommen mehr. Schulen, medizinische Einrichtungen und Spitäler haben zu kämpfen, da sich Patientinnen und Studierende diese Dienste nicht leisten können.

Welche Auswirkungen hat die Einstellung von USAID unter der Trump-­Administration auf Ihre Arbeit?

Der Rückzug von USAID hat keine direkten Auswirkungen auf PMP, aber er schadet den lokalen Partnern, die Palästinenserinnen und Palästinenser unterstützen. Die grössere Herausforderung für uns ist die Umleitung der europä­ischen Mittel für die Unterstützung in der Ukraine, weshalb die Entwicklungsgelder gekürzt werden. Wir beten für ein Ende der Kriege in der Ukraine, im Sudan und in Gaza.

Welche Art von Hilfe brauchen die Menschen in den besetzten palästinensischen Gebieten jetzt am dringendsten?

Benötigt werden Arbeitsplätze, Geld für Arbeit, medizinische Hilfe und Unterstützung beim Wiederaufbau von Häusern. Entscheidend ist, dass der Krieg beendet wird, der Tourismus wieder aufgenommen wird und sich die Wirtschaft erholt.

Viele Christinnen und Christen verlassen Palästina. Wohin gehen sie?

Ungefähr 140 Familien haben Palästina seit Beginn des Gazakriegs verlassen, hauptsächlich um zu Verwandten in den USA, Kanada, Australien und Schweden zu ziehen.

Erzählen Sie uns vom medizinischen Notfallprogramm in Bethlehem, das vom SHLV unterstützt wird.

Da die öffentliche Gesundheitsversorgung begrenzt ist und die Familien seit 18 Monaten kein Einkommen mehr haben, können sie sich die medizinische Versorgung nur schwer leisten – manche verkaufen Wertgegenstände, um die Kosten zu decken. Das PMP-Programm, das auch von Ihren Spenderinnen und Spendern finanziert wird, leistet wichtige medizinische Hilfe. Es wird dringend noch mehr Unterstützung benötigt.

Gibt es auch Lichtblicke in dieser düsteren Lage?

Während der dunkelsten Tage in Gaza organisierte Frau Hiyam Hayek vom Zentrum «Spark for Innovation and Creativity» Aktivitäten für vertriebene Kinder. Ihr Lächeln – trotz des Traumas – war unbezahlbar.

 

Kinder in der EinrichtungAISHA Women Society in
Gaza vor dem Gazakrieg.
Diese Einrichtung wurde
2000 von der Päpstlichen
Mission für psychosoziale
Aktivitäten für Kinder in
Gaza errichtet und durch
den Krieg im vergangenen
Jahr zerstört.
Kinder in der Einrichtung AISHA Women Society in Gaza vor dem Gazakrieg. Diese Einrichtung wurde 2000 von der Päpstlichen Mission für psychosoziale Aktivitäten für Kinder in Gaza errichtet und durch den Krieg im vergangenen Jahr zerstört.

 

Welche Hoffnung haben Sie für die Zukunft Palästinas?

Ich hoffe, dass Israel erkennt, dass dauerhafte Sicherheit einen gerechten Frieden voraussetzt – einen Frieden, der den Palästinenserinnen und Palästinensern Würde und Freiheit gewährt. Ich träume von einem freien Gazastreifen, einem geeinten palästinensischen Staat und einer blühenden christlichen Gemeinschaft im Heiligen Land, die die Auferstehung Christi dort erlebt, wo sie tatsächlich stattgefunden hat.

Andreas Baumeister

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