Bischof Charbel Abdallah ruft um Hilfe: «Dank eurer Unterstützung können wir unseren Dienst fortsetzen»
Leider konnte Bischof Charbel Abdallah aus Tyr unserer Einladung,
an der diesjährigen Generalversammlung teilzunehmen, nicht folgen.
Die anhaltend schwierige politische Situation in seiner Diözese im
Südlibanon sowie sein Lehrauftrag an der Hochschule in Kaslik bei
Jounieh verhinderten die geplante Auslandsreise. Dennoch konnten wir
Bischof Charbel live erleben: Er wurde per WhatsApp zugeschaltet und
berichtete eindrücklich über die Lage in seiner Region. Drei Wochen
nach unserer Versammlung meldete er sich erneut mit einem dringenden Hilferuf.

Im Sommer 2025 hatte sich die politische Situation im Südlibanon etwas beruhigt, und die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der israelischen Armee und der Hisbollah sowie der Amal-Bewegung wurden ausgesetzt. Zwar konnten die christlichen Bewohnerinnen und Bewohner in ihre Dörfer und Häuser zurückkehren, doch stehen sie oft vor zerstörten Gebäuden und müssen ohne Strom und fliessendes Wasser auskommen.
Nach dem 7. Oktober 2023 hatten Hisbollah-Kämpfer auch von mehreren christlichen Dörfern aus Mörser gegen israelische Stellungen abgefeuert. Die israelische Armee reagierte mit Artilleriebeschuss auf die von der Bevölkerung fluchtartig verlassenen Ortschaften.
In den meisten Dörfern und Städten sowie entlang der israelischen Grenze im Südlibanon leben mehrheitlich Schiiten. Christinnen und Christen sind in dieser Region eine Minderheit, deren Anteil durch Auswanderung weiter zurückgeht. In der maronitischen Diözese Tyr, die von Bischof Charbel Abdallah geleitet wird, leben heute noch rund 30 000 Gläubige. Das Zusammenleben zwischen den religiösen Gemeinschaften – auch zwischen Christinnen und Christen sowie Schiitinnen und Schiiten – ist im Südlibanon von gegenseitigem Verständnis und Toleranz geprägt. Das bestätigte Bischof Charbel auch in seiner Liveschaltung.
Bischof Charbel berichtete auch von Père Maroun Ghafari, einem seiner Priester, der als Pfarrer in Alma-Chaab, einem Dorf direkt an der israelischen Grenze, tätig ist. Er hatte in den vergangenen Monaten fast die gesamte Zeit in seinem Dorf ausgeharrt und sich nur während des direkten Beschusses kurzzeitig zurückgezogen. Im Sommer begrüsste er die Rückkehrer in seinem Dorf, wie auch Bischof Charbel, der ihn im Rahmen einer Visitationsreise besuchte. Ein grosser Teil des Pfarrzentrums wurde zerstört, ebenso der Traktor, der einst durch Spenden des Schweizerischen Heiligland-Vereins angeschafft worden war. Weite Teile der Felder, die von den Pfarreiangehörigen bewirtschaftet werden, sind durch Phosphorbomben unfruchtbar geworden.
Die Priester der maronitischen Kirche leisten ihre pastorale Arbeit unentgeltlich. Ihren Lebensunterhalt sichern sie durch einen Brotberuf. Viele sind verheiratet und haben Familie, deren Versorgung grosse Anstrengungen erfordert. Oft sind die Ehefrauen ebenfalls berufstätig. Die Wohnverhältnisse sind bescheiden, die medizinische Versorgung eingeschränkt und teuer. Besonders die Ausbildung der Kinder – vor allem ein Studium in Beirut – stellt die Familien vor erhebliche Herausforderungen. Ein Priester bleibt in der Regel ein Leben lang im selben Dorf.
Anfang Oktober erreichte uns ein Schreiben von Bischof Charbel Abdallah, in dem er vom Wiederaufflammen der kriegerischen Aggression berichtet.
Bischof Charbel schreibt:
Liebe Freundinnen und Freunde
vom Schweizerischen Heiligland-Verein
Am frühen Morgen des Samstags, dem 11. Oktober 2025, wurde unsere Gemeinde in Msaileh, die zur maronitischen Diözese von Tyr gehört, während rund einer Viertelstunde bei mehreren aufeinanderfolgenden Luftangriffen mit Raketen beschossen.
Diese Angriffe richteten sich vor allem gegen Maschinen und Geräte – wie Bulldozer und andere Baumaschinen –, die für Sanierungsarbeiten eingesetzt wurden. All diese Geräte befanden sich entlang des Dorfes Msaileh, das am Eingang der maronitischen Diözese von Tyr auf der Seite von Zahrani liegt.
Die wiederholten und heftigen Explosionen verursachten erhebliche Schäden an Häusern und Einrichtungen, insbesondere bei den bedürftigsten Familien, die in dem betroffenen Gebiet leben.
Vier Stunden nach Ende der Bombardierung begab ich mich persönlich vor Ort, um unsere Gläubigen zu besuchen, ihre Häuser zu besichtigen und das Ausmass der Zerstörung zu erfassen. Ich besuchte jedes einzelne Haus – alle waren in unterschiedlichem Ausmass beschädigt, keines blieb verschont.
Insgesamt sind rund dreissig Häuser betroffen, die allesamt dringend repariert werden müssen, zumal die Regenzeit unmittelbar bevorsteht.
Zu den Schäden zählen zerborstene Glasscheiben und die vollständige Zerstörung von Türen und Fenstern, ob aus Metall oder Holz, die durch die Wucht der Explosionen herausgerissen wurden. Viele Häuser weisen zudem tiefe Risse auf, die dringend ausgebessert werden müssen, um Wassereintritte im Winter zu verhindern. Auch das Mobiliar wurde stark beschädigt, und in einigen Gebäuden sind Decken teilweise eingestürzt.
Während des Beschusses zerbarsten die Fensterscheiben über den schlafenden Bewohnerinnen und Bewohnern und verletzten viele von ihnen schwer. Zahlreiche Verletzte mussten in nahegelegene Spitäler gebracht werden, um dort medizinisch versorgt zu werden.
Angesichts dieser Notlage starten wir heute eine dringende Spendenaktion, um die beschädigten Häuser wieder instand zu setzen. Die betroffenen Familien haben keinen anderen Zufluchtsort.
Wir danken Ihnen, liebe Freundinnen und Freunde des Schweizerischen Heiligland-Vereins, von Herzen für Ihre fortwährende Unterstützung und Ihre Verbundenheit mit uns in der maronitischen Diözese Tyr. Dank Ihrer Grosszügigkeit können unsere Familien ihre Würde wiedergewinnen und in Frieden und Sicherheit weiterleben.
Wir wünschen Bischof Charbel und seinen Gläubigen viel Mut und Hartnäckigkeit beim Ausharren in dieser umkämpften Region. Wir lassen sie nicht allein und werden sie, zusammen mit Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, nach unseren Möglichkeiten unterstützen. Vielen Dank für Ihre Solidarität mit den Christinnen und Christen im Südlibanon.
Andreas Baumeister