Das Ende des Tunnels ist in Sicht

Im Gespräch mit „cath.ch“ zeigt sich Bischof Nicolas Antiba, der auf Einladung des Schweizerischen Heiliglandvereins in der Schweiz weilte, vorsichtig optimistisch, was das Ende des Syrienkonflikts anbelangt: „Das Ende des Tunnels ist in Sicht.“ Der syrische Prälat glaubt dennoch nicht, dass die Mehrheit der Christinnen und Christen, die das Land verlassen hätten, nach dem Krieg wieder in ihre Heimat zurückkehren würden. Seit 2018 ist er Patriarchalvikar der melikitisch-katholischen Kirche in Damaskus.

 

Monsignore Antiba wurde 2013 zum Bischof der Diözese Bosra, Hauran und Jabal-el-Arab gewählt und von Papst Franziskus bestätigt. Der Sitz des Bischofs ist das Dorf Khabab, ein kleiner, christlicher Marktflecken im Regierungsbezirk Deraa – dieses Gebiet blieb in den ersten Jahren des Bürgerkriegs vom Krieg verschont. 2016 und 2017 wurde es aber Opfer mehrerer Granatenangriffe sogenannter gemässigter Rebellen, die von Saudi-Arabien, Katar und den arabischen Emiraten unterstützt werden.

Viele Christinnen und Christen sind nach Europa, Kanada und die USA geflohen

Vor dem Krieg hatte Khabab 8’000 Einwohnerinnen und Einwohner, heute sind es noch 3’000. 5’000 Menschen sind nach Europa, Kanada, die USA und Australien geflohen. Der Bischof erzählt: „Kürzlich habe ich einen Gottesdienst in der katholischen Kathedrale in Montreal in Kanada gefeiert und dort zahlreiche Gläubige aus meinem Bistum wieder getroffen, die mir versicherten: Monsignore, Sie sind immer noch unser Bischof.“

Seit dem Beginn des Bürgerkriegs in Syrien, der im März 2011 mit Demonstrationen in Deraa in seiner ehemaligen Diözese begann, seien über Jordanien eine grosse Zahl von ausländischen, islamistischen Söldern nach Syrien eingedrungen. Diese sogenannten Rebellen kämen aus der arabischen Halbinsel, aus Libyen, dem Irak, Nordafrika, Afghanistan und Tschetschenien, und sogar aus Uigurien in China sowie Europa über die Türkei und den Irak nach Syrien. Das Ziel dieser Söldner sei die Errichtung eines islamischen Kalifats.

Die Rebellen benutzen in Idlib die Bevölkerung als menschliche Schutzschilde

Diese sogenannten Rebellen seien für die meisten Syrer keine Syrer. Sie hätten sich nun in die Provinz Idlib zurückgezogen und benutzten die dortige Zivilbevölkerung als menschliche Schutzschilde. Viele ihrer Anführer sprächen kein Arabisch und benötigten Übersetzer, um sich mit der lokalen Bevölkerung verständigen zu können. Viele Städte wären von ihren ursprünglichen Bewohnerinnen und Bewohner aufgegeben worden. Ihre Häuser hätten später dschihadistisch eingestellte Leute besetzt.

In seiner ehemaligen Diözese im Regierungsbezirk Deraa, seien die Rebellen von Regierungstruppen verdrängt worden. Die freie syrische Armee allerdings, wenn sie es denn je gegeben hätte, existierte nicht mehr. Am Anfang des Krieges wären die unteren Offiziere mit Geld geködert worden. Später hätten viele von ihnen das Land Richtung Europa verlassen. Danach sei der Anteil der Islamisten und Dschihadisten in der Armee stark gestiegen.

Der Exodus der christlichen Bevölkerung hält an

Die Versöhnung sei in vielen Dörfern in ganz Syrien, wo die Infrastruktur wieder funktionieren würde, auf gutem Weg. Der Governeur von Deraa etwa träfe sich regelmässig mit islamischen und christlichen Führern. Er selbst hätte auch schon an solchen Treffen teilgenommen, um das friedliche Zusammenleben der verschiedenen religiösen Bevölkerungsgruppen zu fördern. Eine solche Aussöhnung fände sogar in Dörfern statt, wo Kirchen zerstört, die christliche Bevölkerung vertrieben und ihre Häuser geplündert und verwüstet worden wären. Der Bischof mache sich allerdings keine grosse Illusionen, dass die Christinnen und Christen, die ins Ausland immigriert seien, wieder zurückkehren würden. Sogar im Tal der Christinnen und Christen nahe der libanesischen Grenze würde der Exodus der christlichen Bevölkerung anhalten.

Seit die Regierungsgruppen die Rebellen aus der Provinz Ostgouta und aus den Randquatieren rund um Damaskus vertrieben hätten, sei es ruhig in der Hauptstadt. Nach der Evakuierung der Rebellen in das Gebiet Idlib, hätten Monsignore Anita und der orthodoxe Patriarch zusammen Ostgouta besucht. Sie hätten bei diesem Besuch schreckliche Zerstörungen gesehen. Monsignore Antiba und der orthodoxe Patriarch würden sich nun für die Unterstützung der Christinnen und Christen in Ostgouta einsetzen, die nun in Flüchtlingsunterkünften in Damaskus leben würden. Es seien 3’000 bis 4’000 Menschen. Der Bischof hoffe, dass sie wieder in ihr Zuhause in Ostgouta zurückkehren könnten. Aber der Aufbau der zerstörten Häuser bräuchte Zeit.

Zusammenfassung des Gesprächs von Jacques Berset mit Bischof Nicolas Antiba am 19.9.2018: Das Orginalinterview in Französisch