Gespräch mit Jamal Shehade: «In den schwierigsten Momenten zeigt sich die wahre Stärke unserer Gemeinschaft»
Haifa nach dem 12-Tage Krieg gegen den Iran
Seit vielen Jahren leitet Jamal Shehade das Haus Gnade in Haifa. In diesem Interview berichtet er über den sozialen Zusammenhalt über alle religiösen und ethnischen Gräben hinweg in einer schwierigen Zeit.

Jamal, wie habt ihr und die Menschen in Haifa die Bedrohung durch den Krieg zwischen Israel und dem Iran im vergangenen Juni erlebt?
Die Situation ist bis heute herausfordernd. Haifa wurde mehrfach angegriffen, und die Menschen sind verängstigt. Schulen und viele Arbeitsplätze mussten schliessen während dieses 12-tägigen Kriegs schliessen, weil es nicht genügend Schutzräume gibt. Der Krieg und die Raketenangriffe haben die Spannungen zwischen Arabern und Juden in der Stadt weiter verstärkt – das können wir nicht leugnen.

Was stimmt dich hoffnungsvoll?
Wir sehen auch bewusste Initiativen von Bürgerinnen und Bürgern beider Seiten, die sich weigern, diese Spaltung zu akzeptieren. Menschen organisieren Begegnungen, um als Bürger Haifas zusammenzustehen und Brücken zu bauen, statt Mauern.
Was habt Ihr gelernt?
Trotz aller Herausforderungen versuchen wir, bestmöglich mit der Situation umzugehen – nicht weil es einfach ist, sondern weil wir eine Entscheidung getroffen haben: Wir wollen nicht zulassen, dass Angst und Hass unsere gemeinsame Zukunft in dieser Stadt bestimmen.
Wie ist eure Haltung – und die Haltung der israelischen Christinnen und Christen in Haifa – gegenüber der Regierung Netanjahus?
Die aktuelle Regierung stellt besondere Herausforderungen für die arabische Gemeinschaft im Allgemeinen und für Christinnen und Christen im Besonderen dar. Die Situation ist äusserst komplex. Einerseits sehen manche Christen Israel als einen sicheren Ort im Nahen Osten, insbesondere angesichts der Entwicklungen in der Region. Andererseits erleben wir Angriffe rechtsextremer Gruppen auf heilige Stätten, und die meisten Christen unserer Gemeinschaft verstehen sich als Teil der arabischen Gesellschaft in Israel, die stark unter dem Radikalismus rechtsextremer Aktivisten und Parteien leidet.
Wie ist die Situation im Haus Gnade?
Als Haus Gnade konzentrieren wir uns auf den Menschen – unabhängig von Politik oder Zugehörigkeit. Wir streben danach, Brücken zu bauen und Hoffnung zu geben. Unser Ziel ist es, durch unseren Dienst an allen Menschen ein echtes Beispiel christlichen Lebens zu sein. Das ist unser Beitrag in dieser komplexen Zeit: praktische Nächstenliebe zu leben, die über alle Grenzen hinausgeht.
Wie ist die Lebenssituation der arabischen Israeli im Moment hinsichtlich ihrer Rechte?
Die Herausforderungen sind enorm. Die derzeitige Regierung ist sehr rechtsorientiert und fördert die Bedürfnisse der arabischen Gesellschaft kaum. Das zeigt sich in verschiedenen Gesetzen sowie im Mangel an Massnahmen gegen die hohe Gewalt- und Kriminalitätsrate in der arabischen Gemeinschaft, die von organisierten kriminellen Gruppen geprägt ist. Die Meinungsfreiheit ist stark eingeschränkt.
Und die Situation auf dem Arbeitsmarkt?
Die steigenden Spannungen führen dazu, dass Mitglieder der arabischen Gesellschaft immer weniger als normale Bürger wahrgenommen werden. Das wirkt sich auch auf den Arbeitsmarkt aus, die Atmosphäre ist oft angespannt.
Wie gestaltet sich das Zusammenleben zwischen jüdischen, muslimischen und christlichen Gemeinschaften in Haifa?
Haifa war schon immer eine Stadt des Zusammenlebens. Trotz der jüngsten Spannungen finden die Bewohner Haifas stets Wege, diese zu überwinden und versuchen, jede Attacke auf die einzigartige Gemeinschaftsstruktur abzuwehren.

Kannst du ein Beispiel für dieses Zusammenstehen nennen?
Als unsere Kirche durch einen Raketenangriff beschädigt wurde, boten Menschen aller Religionen und Hintergründe Hilfe an und unterstützten uns. Das macht Haifa besonders: In den schwierigsten Momenten zeigt sich die wahre Stärke unserer Gemeinschaft. Menschen überschreiten religiöse und ethnische Grenzen und handeln als Nachbarn und Freunde.
Inwieweit sind eure Projekte von den Kriegen in Gaza und gegen den Iran betroffen? Könntet ihr dies anhand der verschiedenen Projekte verdeutlichen?
Integration ehemaliger Gefangener: In solchen Zeiten konzentrieren wir uns darauf, mit Ängsten umzugehen – etwa der Angst, die Familie zu verlieren, persönliche Kriegsängste und Spannungen am Arbeitsplatz. Das erfordert zusätzliche Anstrengungen unseres Personals, das auch nachts erreichbar sein muss, wenn Alarme oder Sirenen ertönen.
Freizeitbetreuung für Kinder und Jugendliche: Wir müssen uns hier vor allem mit den Ängsten der Kinder und Jugendlichen auseinandersetzen – etwa den Spannungen zu Hause, den Ängsten der Eltern, dem Mangel an Schutzräumen, Schulschliessungen und dem Fehlen eines sicheren Rahmens in Krisenzeiten. Wir haben unsere Arbeit angepasst, um mehr psychologische und soziale Unterstützung anzubieten, konnten jedoch nur begrenzt Aktivitäten durchführen, da die Schutzräume in unseren Standorten knapp sind. Der nächste Schutzraum ist etwa fünf Minuten zu Fuss entfernt, was den Weg für Gruppen von Jugendlichen erschwert.
Besuche armutsbetroffener Familien: Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges haben noch mehr Familien in Not geraten lassen. Wir verteilen mehr Lebensmittelpakete und bieten praktische Hilfe an. Besonders der Raketenangriff vom 20. Juni hat gezeigt, wie wichtig unsere Nothilfemaßnahmen sind.
Wie ist die Situation bei deinen Geschwistern?
Natürlich war auch die Familie Shehade in dieser Zeit nicht unberührt, vor allem, nachdem eine Rakete in die Nähe unseres Hauses Gnade einschlug – in dem wir aufgewachsen sind. Dennoch stehen wir zusammen und versuchen, es unserer Familie und den Kindern zu erleichtern. Wir sind alle aktiv in verschiedenen Hilfseinrichtungen und halten die Arbeit im Haus Gnade aufrecht.
Habt ihr schon an Auswanderung gedacht?
Natürlich. Doch der Prozess ist langwierig. Die Frage ist, in welchem Land eine Zukunft für uns möglich wäre, ob wir Arbeit und Schulplätze finden würden. Auch die Sprache stellt ein Hindernis dar, und die Kosten wären hoch.

Haifa bleibt eure Heimat?
Ja, wir sehen hier wir unsere Berufung. Trotz der Schwierigkeiten ist uns bewusst, wie wichtig unsere Arbeit ist. Gerade jetzt, da Spaltung und Hass gesät werden, brauchen wir Menschen, die Brücken bauen. Wir bleiben, weil wir glauben, dass Gott uns hierhin gestellt hat, um Hoffnung zu bringen und das Zusammenleben zu fördern.
Kannst du eine Geschichte erzählen, die zeigt, dass euer Engagement sich lohnt?
Was uns bestärkt, ist die Verbindung der Menschen zum Haus Gnade – besonders in solchen schweren Zeiten. Das ist der wahre Wert unseres Dienstes: Menschen unterstützen andere durch uns, weil sie Vertrauen in unsere Arbeit haben.
Welche Unterstützung wünscht ihr euch von uns?
Zuallererst bitten wir um eure Gebete. Wir müssen unsere Gebete laut und deutlich ausdrücken, um die Kriege, das Leiden, den Tod, den Hass und die Gewalt in unserer Region zu beenden.
Und wir danken für eure grosszügige Unterstützung über viele Jahre hinweg. Wir hoffen, dass euer Vertrauen in uns weiterhin bestehen bleibt. Ihr seid unsere Partner, und wir sind dankbar für jede Form der Unterstützung. Besonders schätzen wir es, zu wissen, dass Menschen in anderen Ländern an uns denken und für uns beten.
Und sonst?
Eine unserer dringendsten Bedürfnisse ist der Bau eines Schutzraums auf dem Gelände vom Haus Gnade – als Reaktion auf den Krieg. Dieser Prozess wird eine beträchtliche Summe kosten, und wir sind dankbar für jede Unterstützung.
Vielen Dank, Jamal, für das Gespräch!
Andreas Baumeister
Vermerk für Ihre Spende: Haus Gnade