Kardinal Kurt Koch blickt auf das Heilige Land – Wach bleiben für die Not unserer Glaubensgeschwister

Anlässlich der Wallfahrt nach Einsiedeln von Kirche in Not und des Malteserordens traf Andreas Baumeister Kardinal Kurt Koch zu einem Gespräch über die Sicht des Vatikans auf die aktuelle Situation im Nahen Osten. Kurt Koch ist Präfekt des Dikasteriums zur Förderung der Einheit der Christinnen und Christen sowie Präsident der Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum.

Herr Kardinal, Sie haben Papst Leo auf seiner ersten Pastoralreise in die Türkei und den Libanon Ende des vergangenen Jahres begleitet. Was waren Ihre Eindrücke?
Kardinal Kurt Koch: Der Heilige Vater wollte mit seiner ersten Reise die christliche Einheit fördern und zugleich im krisengeprägten Nahen Osten ein Zeichen der Hoffnung und des Friedens setzen. Meine Aufgabe bestand darin, den Papst zu begleiten. Der Besuch des Heiligen Vaters ist als Zeichen der Verbundenheit und der Ermutigung sehr positiv aufgenommen worden.

 

Andreas Baumeister traf Kardinal Kurt Koch
anlässlich der Wallfahrt von Kirche in Not am
Sonntag, 31. Juli, im Kloster Einsiedeln.

Warum führte die erste Pastoralreise von Papst Leo ausgerechnet in die Türkei und den Libanon?
Die Reise in die Türkei war bereits mit Papst Franziskus für Mai 2025 geplant, weil Patriarch Bartholomäus den Papst anlässlich des 1700-Jahr-Jubiläums des Konzils von Nizäa nach Iznik eingeladen hatte. Papst Franziskus starb jedoch überraschend am Ostermontag, und für den neugewählten Papst war es unmöglich, bereits Ende Mai dorthin zu reisen. Zudem ist es für einen neu gewählten Papst üblich, am Fest des heiligen Andreas, dem 30. November, Konstantinopel zu besuchen. Dies tat Papst Leo und verband seinen Antrittsbesuch mit einer Reise in den Libanon, die ebenfalls bereits mit Papst Franziskus abgesprochen gewesen war.

Wie beurteilen Sie die Situation der Christinnen und Christen im Nahen Osten? Haben Sie persönliche Beziehungen zu orientalischen Bischöfen? Wie nehmen diese die aktuelle Lage wahr?
Mit verschiedenen Bischöfen im Libanon und in Palästina hatte ich bereits als Bischof von Basel Kontakt, den ich später weiter ausbauen konnte. Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten stellen die christlichen Kirchen vor enorme Herausforderungen und haben für die Menschen vor Ort furchtbare Folgen. Auch der interreligiöse Dialog leidet erheblich unter diesen Konflikten.

Welche Haltung nimmt der Vatikan gegenüber der Politik Israels im Libanon ein? Wie können die Christinnen und Christen dort geschützt werden?
Der Papst hat die schmerzliche Situation im Libanon selbst deutlich beim Namen genannt. Er hat zudem telefonisch Kontakt zu kirchlichen Vertretern vor Ort aufgenommen. Die diplomatische Position des Heiligen Stuhls besteht darin, dass eine dauerhafte Lösung des Konflikts im Nahen Osten nur auf der Grundlage von zwei Staaten möglich ist. Dies wird jedoch vom israelischen Minis-terpräsidenten Benjamin Netanjahu kategorisch abgelehnt. Eine Zwei-Staaten-Lösung könnte auch einen Weg aus den Konflikten mit der Hamas und der Hisbollah weisen.

Haben Sie persönliche Kontakte zu muslimischen oder jüdischen Vertretern im Nahen Osten? Über welche Themen sprechen Sie mit ihnen?
Für den interreligiösen Dialog mit dem Islam ist ein eigenes Dikasterium zuständig. Ich selbst bin für den Dialog mit dem Judentum verantwortlich. Unsere jüdischen Gesprächspartner wünschten, dass wir das 60-Jahr-Jubiläum von Nostra Aetate auch in Israel begehen. Bei meinen Begegnungen mit ihnen im Februar habe ich betont, dass wir heute in einer anderen politischen Situation leben als vor 60 Jahren und deshalb auch über die gegenwärtige Kriegssituation sprechen müssen. Dies führte zunächst zu Irritationen auf jüdischer Seite. Dann jedoch verlief das Gespräch gut. Hilfreich war auch der Besuch beim Lateinischen Patriarchen Pierbattista Pizzaballa, bei dem die jüdischen Partner von einem wichtigen katholischen Vertreter vor Ort hören konnten, wie er den Konflikt beurteilt.

Welche Aufgabe hat aus Ihrer Sicht der Schweizerische Heiligland-Verein über die Verteilung von Spenden an seine Projektpartner hinaus?
Zunächst möchte ich dem Schweizerischen Heiligland-Verein meinen grossen Dank für seine Arbeit aussprechen. Einen wichtigen Aspekt Ihrer Tätigkeit sehe ich darin, dass Sie den Menschen in der Schweiz die schwierige Situation der Christinnen und Christen im Heiligen Land bewusst machen. Wenn ich dort Christinnen und Christen begegne, sagen sie mir immer wieder: «Bitte vergessen Sie uns nicht und beten Sie für uns.» Die Aufmerksamkeit für die Situation unserer Glaubensgeschwister in den Ursprungsländern des Christentums wachzuhalten, ist eine wichtige Aufgabe.

Herr Kardinal, vielen Dank für das Gespräch.

Andreas Baumeister

 

Wege der Hoffnung

Kardinal Kurt Koch reflektiert in seinem neusten Buch «Wege der Hoffnung» über die Ökumene als Weg zur Einheit der Christenheit. Er betont darin die Bedeutung des Konzils von Nizäa (325) für den gemeinsamen Glauben an Jesus Christus als «wesensgleich mit dem Vater» und die Herausforderungen moderner Spaltungen. Kardinal Koch analysiert historische und theologische Grundlagen, wie Synodalität, das Papstamt und interkulturelle Dialoge, um die Einheit der Kirche im Licht des trinitarischen Gottesgedankens zu stärken. Der Autor plädiert für eine geistliche Ökumene, die im Gebet und der Umkehr zu Christus verwurzelt ist.

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