Schweizerischer Heiligland-Verein
Association suisse de Terre Sainte
Associazione svizzera di Terra Santa
Swiss Holy Land Association
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Projekte Syrien

Alte Menschen sind am verwundbarsten

In einem für den Schweizerischen Heiligland-Verein erstellten Armutsreport berichtet der Sozialdienst der Erzdiözese Bosra, Hauran und Jabal al-Arab in Südsyrien über die dramatische Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Situation im Land. Insbesondere alte Menschen sind von dieser Krise betroffen. Wir dokumentieren einen Auszug.

 

Heiligland-Verein - Jeder vierte ältere Mensch hat nicht genug zu essen. Kühlschrank, fast leer, nur wenig Gemüse darin.
Jeder vierte ältere Mensch hat nicht genug zu essen.

 

Der Syrienkonflikt geht ins zehnte Jahr und wirkt sich weiterhin negativ auf die ohnehin schon schwierige wirtschaftliche und soziale Lage im Land aus. Viele Menschen in unserer Diözese berichten, dass sie nicht in der Lage sind, ausreichend für ihre Familien zu sorgen. Sie versuchen zu überleben, indem sie beim Essen sparen, Wertsachen oder Grundstücke verkaufen oder Schulden anhäufen.

Corona-Pandemie treibt die Krise an

Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie hat die schwere Wirtschaftskrise mit einer dramatischen Abwertung des syrischen Pfunds, einer galoppierenden Inflation und Spitzenwerten bei der Arbeitslosigkeit und Armut noch weiter verschärft. Korruption, schlechte Regierungsführung und unzureichende finanzielle Mittel verunmöglichen jegliche Hilfe für die Schwächsten der Gesellschaft.

Mehr als 80 Prozent der Bevölkerung lebt in Syrien unter der Armutsgrenze. Die UNO warnt in einem Bericht im Juni 2020 vor einer beispiellosen Nahrungsmittelkrise. Sie schätzt die Zahl der im kommenden Winter auf Hilfe angewiesenen Menschen auf drei Millionen. Vor dem Krieg waren traditionell Ehemänner oder Söhne die Haupternährer der Familien. Viele von ihnen wurden seither getötet, verletzt oder zur Flucht ins Ausland gezwungen.

Alte Menschen sind am verletzlichsten

Alte Menschen gehören zur verletzlichsten und am stärksten gefährdeten Gruppe in der syrischen Gesellschaft. Die Zahl der über 60-Jährigen wird auf 5,8 Prozent geschätzt. Ältere Menschen sind verletzlicher, weil die meisten von ihnen nicht fliehen können. Inzwischen sind rund eine Million Menschen wieder zurückgekehrt, doch noch immer leben sechs Millionen als intern Vertriebene in den verschiedenen Regionen des Landes. Fehlende Arbeitsmöglichkeiten und Einkünfte erschweren das Zurückkehren. Für den Wiederaufbau oder die Reparatur ihrer Häuser und Wohnungen fehlen die Mittel. Gleichwohl leben viele ältere Menschen wieder «zu Hause». Doch sie leben oft allein, fühlen sich isoliert, leiden unter dem Verlust von Beziehungen, von eingeschränkter Mobilität oder einem mangelhaften Zugang zur Grundversorgung.

 

Heiligland-Verein - Armutsbetroffene in Syrien sind ältere Menschen.
Oft bleiben ältere Menschen allein und isoliert zurück.

 

All das verstärkt ihre Gefühle von Depression und Alleingelassensein. Von staatlicher Seite können sie keine Hilfe erwarten. Jeder vierte ältere Mensch hat nicht genug zu essen, wobei die Hälfte von ihnen mangelnde Einkünfte als Grund dafür angeben. Tatsächlich müssen sich viele alte Menschen Geld leihen, um über die Runden zu kommen. Früher haben sich sehr oft die Töchter oder Schwiegertöchter um die älteren Familienmitglieder gekümmert. Heute tragen viele der älteren Menschen, obwohl die überwiegende Mehrheit von ihnen auf fremde Hilfe angewiesen ist, Verantwortung für Enkel, für behinderte Kinder oder Familienangehörige.

 

Heiligland-Verein - Armutsbetroffene in Syrien sind ältere Menschen.
Die Wohnsituation vieler älterer Menschen ist prekär.

 

Krankheit im Alter

Die meisten älteren Syrerinnen und Syrer leiden unter chronischen Erkrankungen. Die häufigsten sind: Bluthochdruck, Diabetes, Herzkrankheiten und in geringerem Umfang auch Arthritis, Verletzungen, Knochen- und Gelenkerkrankungen, Rückenschmerzen, Gehbehinderungen und Verlust der Sehkraft. Die Armutsbetroffenen sind auf medizinische Hilfe von Familienmitgliedern, lokalen Wohltätigkeitsorganisationen, Kirchen, Moscheen, von Freunden oder von Nachbarn angewiesen.

Die Auswirkungen von Krieg und Vertreibung haben einen verheerenden Einfluss auf das psychosoziale Wohl-befinden von alten Menschen, die ohne fremde Unterstützung ihre Lage nicht mehr bewältigen können und sich zunehmend allein gelassen fühlen.

Sozialdienst Bosra, Hauran und Jabal al-Arab

 

Spendenvermerk: Altersarmut in Syrien

Armut macht krank

Sechs Schicksale von alten Menschen aus Aleppo und Damaskus

 

Armut mach krank. Sechs Schicksale von alten Menschen aus Aleppo und Damaskus
Leïla ist auf die Unterstützung durch den kirchlichen Sozialdienst angewiesen.

 

Leïla ist 67 Jahre alt. Sie lebt allein in ihrem Haus in Al-Midan, das sie während des Krieges verlassen musste. Nach der Befreiung von Aleppo 2016 kehrte sie in ihr Haus zurück. Ihr Sohn verliess Syrien, um sein Studium im Ausland abzuschliessen. Ihre Tochter wurde Nonne in einem Kloster im Libanon. Leïla kämpft allein gegen die Widrigkeiten des Lebens. Sie leidet an Gicht und unter quälenden Knieschmerzen und kann sich kaum bewegen. Eine Knieoperation ist wegen der hohen OP-Kosten für sie nicht bezahlbar. Darüber hinaus ist sie an Diabetes erkrankt und hat Bluthochdruck.

Die meiste Zeit verbringt sie auf ihrem Balkon, um ihre Krankheit und den Stress des Alleinseins zu vergessen. Sie hat keinen Kontakt zu ihren Nachbarn. Nur ihr Neffe besucht sie gelegentlich. Einmal im Monat verlässt sie ihr Haus, um den Unterstützungsbeitrag entgegenzunehmen, den ihr der kirchliche Sozialdienst auszahlt und mit dem sie Medikamente und Lebensmittel kaufen kann. Leïla hat Angst davor allein zu sterben, und sie befürchtet, dass ihr Tod erst nach vielen Tagen entdeckt wird.

 

Kawkab lebt bei ihren beiden Enkelinnen, die für sie sorgen.

 

Kawkab ist 90 Jahre alt. Sie hat ihr ganzes Leben lang für ihre Familie gesorgt und hart gearbeitet, um für das Alter Geld anzusparen. Doch die Lebens-umstände haben sich gegen sie gewendet: Sie hat ihre Tochter und ihren Schwiegersohn während des Krieges verloren. Ihr Sohn hat sie verlassen, nachdem er sie um ihre Ersparnisse betrogen und ihr Haus auf seinen Namen umgeschrieben hatte. Heute lebt sie bei den beiden Töchtern ihrer verstorbenen Tochter. Kawkab leidet an einer Augenentzündung, unter Bluthochdruck und an Herzschwäche. Konnte sie sich früher noch Medikamente leisten, nimmt sie diese heute nur noch im Notfall.

Sie verbringt den ganzen Tag allein zu Hause, weil ihre Enkeltöchter wegen ihres Studiums und wegen ihrer Arbeit nicht zu Hause sein können. Kawkab möchte in ein Altersheim ziehen, damit sie ihren Enkelinnen nicht mehr zur Last fällt. Doch die Enkelinnen sorgen gut für ihre Grossmutter und beschweren sich nicht über ihre Anwesenheit. Kawkab erhält eine Witwenrente in Höhe von monatlich 18 000 syrischen Pfund, das sind etwa 75 Franken. Dieses Geld gibt sie ihrer älteren Enkelin für den Haushalt und für den Kauf von Medikamenten.

 

Marlène hat seit dem Beginn des Bürgerkriegs keine neuen Kleider mehr gekauft.

 

Marlène ist 70 Jahre alt. Sie lebt in Al-Hamidiye, einem Arbeiterviertel von Aleppo, das während des Krieges an das Rebellengebiet angrenzte. In dieser Zeit war ihr Balkon öfters dem Beschuss von Rebellengruppen ausgesetzt. Sie konnte ihr Haus fast nie verlassen, das wiederholt Granatfeuer ausgesetzt war und zum Teil zerstört wurde. Marlène verbringt ihren Tag mit Putzen und Aufräumen. Sie geht einmal pro Woche einkaufen und legt weite Strecken zurück, um Lebensmittel zu einem günstigen Preis kaufen zu können. Der Alltag ist für die alte Frau kräftezehrend. Sie leidet an Schilddrüsendysfunktion, Bluthochdruck, Diabetes und Asthma. Vor einem Jahr wurde sie an der Wirbelsäule operiert.

Zu all diesen Belastungen kommt dazu, dass sie für ihren 41-jährigen Sohn sorgen muss, der bei ihr zu Hause lebt. Ihr Sohn ist an Multipler Sklerose erkrankt und kann sich ohne fremde Hilfe nicht mehr bewegen. Trotz ihres fortgeschrittenen Alters ist Marlène gezwungen, immer noch die Rolle der Mutter ein-zunehmen, sich um seine Pflege zu kümmern und ihm seine Medikamente
bereit zu machen. In dringenden Fällen bittet sie eine Freundin, sie in ein staatliches Krankenhaus zu begleiten, da die privaten Krankenhäuser für sie zu teuer sind. Sie hat keine Angst vor dem Tod, befürchtet aber, dass sich niemand um ihre Beerdigung kümmert, wenn sie gestorben ist.

Marlène ist auf die monatlichen Einnahmen aus der Vermietung eines kleinen Ladens ihres verstorbenen Ehemannes in Höhe von 25 000 syrischen Pfund, etwas über 100 Franken, angewiesen und auf die Unterstützung durch den kirchlichen Sozialdienst. Marlène betont, dass sie sich seit Beginn des Kriegs im Jahr 2011 keine neuen Kleider mehr gekauft hat. Aber sie ist dankbar dafür, dass sie zu Hause leben kann und dass sie jemanden hat, der sich im Notfall um sie und ihren Sohn kümmert.

 

Pfarrer Anthony Khoury besucht die Familie von Nezha.

 

Nezha ist 86 Jahre alt und Mutter von Milia und Samer. Samer leidet seit einem tätlichen Angriff vor 30 Jahren an Epilepsie und ist arbeitsunfähig. Ihre Tochter Milia arbeitet in einer Nähschule und verdient im Monat rund 30 Franken. Das Geld reicht jedoch nirgendwohin, sodass sie bei sich am Essen spart. Milia hat Angst, dass ihre Mutter oder ihr Bruder medizinische Hilfe benötigen könnten, denn sie haben beide keine Krankenversicherung.

 

Dunia krank in ihrem Bett

 

Dunia ist 83 Jahre alt und Mutter von vier Kindern. Zwei Söhne sind im Bürgerkrieg gefallen. Ein Sohn lebt in den Niederlanden. Die Tochter ist in Syrien verheiratet. Dunia ist finanziell von ihrem Sohn, der in den Niederlanden arbeitet, abhängig. Er schickt ihr alle sechs Monate 300 Euro. Dieser Betrag reicht jedoch nicht aus, um die Miete für das Haus sowie Medikamente und einen möglichen Krankenhausaufenthalt zu bezahlen. Dunia leidet an einer Herzkrankheit, weshalb sie immer wieder medizinische Hilfe benötigt.

 

Najat und ihre Nichte Elisabetha

 

Najat ist 70 Jahre alt. Ihr Sohn ist als Soldat in der syrischen Armee im Bür-ger-krieg gefallen. Seit 20 Jahren ist sie verwitwet. Ihr Ehemann arbeitete als Taxifahrer. Sie bekommt keine Rente und lebt bei ihrer Schwester Samar, die sich um sie kümmert. Ohne die monatliche Unterstützung des kirchlichen Sozialdienstes käme sie nicht über die Runden und könnte sich keine Medikamente leisten.

Die Mitarbeitenden bei den kirchlichen Sozialdiensten sind Tag für Tag im Einsatz. Unermüdlich besuchen sie Familien und alleinstehende Frauen und Männer, hören zu, klären ab, helfen und organisieren. Vor allem für die älteren Menschen sind sie ein Lichtblick, denn sie bringen ihnen zurück, was in den langen Kriegsjahren gelitten hat: Anteilnahme und Nächstenliebe.

Jede Spende kommt diesen Sozialdiensten zugute. Danke für Ihre Unterstützung.

 

Spendenvermerk: Altersarmut Syrien

 

Papierlosen Kindern in Aleppo helfen

„Ein Name – eine Zukunft“ heisst das Projekt für Kinder in Aleppo, die ohne Identität und ohne Zugang zu einer öffentlichen Grundversorgung und dem Bildungssystem in Aleppo auf der Strasse leben. Ein Zeichen der Hoffnung für über 2000 Kinder, von denen viele von Opfern von Vergewaltigungen und Missbrauch geboren wurden, die von dschihadistischen Rebellen begangen wurden.

Als die Dschihadisten Ende 2016 nach vier Jahren Krieg die Altstadt von Aleppo verliessen, blieben etwa 3000 Kinder und Jugendliche und ihre Mütter zurück. Wie in so vielen anderen Gebieten in Syrien und im Irak, die vom IS besetzt waren und wieder verlassen werden mussten, blieben die Kinder und Frauen, die Verbindungen zur Miliz hatten, sich selbst überlassen. Heute leben sie im Osten der Stadt, der immer noch grösstenteils zerstört ist, in notdürftigen Unterkünften.

Ohne Registrierung kein Zugang zur Grundversorgung

„Die erste Hilfe, die wir für diesen Kinder geben, ist ihre Anmeldung bei den Behörden. Bisher konnten wir 25 namenlose Kinder staatlich registrieren und ihnen damit eine Identität geben. Der Prozess geht sehr langsam voran, weil die Kinder befürchten von den staatlichen Sicherheitsstellen befragt zu werden“, erzählt Bruder Firas. Ohne diese Registrierung hätten die Kinder keinen Zugang zur Grundversorgung und zum Bildungssystem des Landes.

Bruder Firas ist ein syrischer Franziskanerpater aus Hama. 2004 wurde er zu einem Einsatz in die katholische Pfarrei in Aleppo geschickt. Von 2011 bis 2014 studierte er in Rom Bibeltheologie, bevor er nach Syrien zurückkehrte und während des Syrienkrieges an der Seite seiner Landsleute blieb. In diesem Jahr ist er Referent an unserer GV am 16. September in Fribourg.

Es gäbe Kinder, die seit Jahren nicht mehr zur Schule gingen, erzählt er. In bestimmten Gegenden gäbe es für sie nur den Koran – keine Mathematik, keinen Geschichtsunterricht, keine Geographie oder Kunsterziehung. „Deswegen versuchen wir nun in speziellen Kursen für diese Kinder die“ Bildungslücken zu schliessen. Wir unterstützen auch Jugendliche, die schwere körperliche Arbeit verrichten müssen oder unter Gewalt leiden. Wir bieten Physiotherapie für Menschen mit Beeinträchtigungen. Und wir arbeiten mit Psychologinnen und Psychotherapeutinnen zusammen.“

Bischof und Grossmufti von Aleppo als Schutzherren

Die Initiative „Ein Name – eine Zukunft“ wird unterstützt vom Bischof von Aleppo, Monsignore Abou Khazen, und dem Grossmufti von Aleppo, Mahmoud Akkam. „Das Ziel unseres Projektes,“ berichtet der Bischof, „ist das Vertrauen der Kinder in die Zukunft wiederherzustellen. Einige Kinder, die ich kennengelernt habe, waren so traumatisiert, dass sie nicht sprechen konnten. Nachdem wir sie in unserem Zentrum willkommen geheissen haben, haben sie das Vertrauen ins Leben zurückgewonnen, ihr Blick hat sich verändert, das Lächeln ist in ihre Gesichter zurückgekehrt. Für mich und meinen Freund, den Grossmufti, ist es eine grosse Freude zu sehen, wie diese Menschen wieder aufblühen. Es ist ein Versprechen auf eine Zukunft, wo der Horizont auf einmal hell aufleuchtet, der so lange schwarz und dunkel geblieben ist.“

Spendenvermerk: Phantomkinder von Aleppo

Papierlosen Kindern in Aleppo helfen

„Ein Name – eine Zukunft“ heisst das Projekt für Kinder in Aleppo, die ohne Identität und ohne Zugang zu einer öffentlichen Grundversorgung und dem Bildungssystem in Aleppo auf der Strasse leben. Ein Zeichen der Hoffnung für über 2000 Kinder, von denen viele von Opfern von Vergewaltigungen und Missbrauch geboren wurden, die von dschihadistischen Rebellen begangen wurden.

Als die Dschihadisten Ende 2016 nach vier Jahren Krieg die Altstadt von Aleppo verliessen, blieben etwa 3000 Kinder und Jugendliche und ihre Mütter zurück. Wie in so vielen anderen Gebieten in Syrien und im Irak, die vom IS besetzt waren und wieder verlassen werden mussten, blieben die Kinder und Frauen, die Verbindungen zur Miliz hatten, sich selbst überlassen. Heute leben sie im Osten der Stadt, der immer noch grösstenteils zerstört ist, in notdürftigen Unterkünften.

Ohne Registrierung kein Zugang zur Grundversorgung

„Die erste Hilfe, die wir für diesen Kinder geben, ist ihre Anmeldung bei den Behörden. Bisher konnten wir 25 namenlose Kinder staatlich registrieren und ihnen damit eine Identität geben. Der Prozess geht sehr langsam voran, weil die Kinder befürchten von den staatlichen Sicherheitsstellen befragt zu werden“, erzählt Bruder Firas. Ohne diese Registrierung hätten die Kinder keinen Zugang zur Grundversorgung und zum Bildungssystem des Landes.

Bruder Firas ist ein syrischer Franziskanerpater aus Hama. 2004 wurde er zu einem Einsatz in die katholische Pfarrei in Aleppo geschickt. Von 2011 bis 2014 studierte er in Rom Bibeltheologie, bevor er nach Syrien zurückkehrte und während des Syrienkrieges an der Seite seiner Landsleute blieb. In diesem Jahr ist er Referent an unserer GV am 16. September in Fribourg.

Es gäbe Kinder, die seit Jahren nicht mehr zur Schule gingen, erzählt er. In bestimmten Gegenden gäbe es für sie nur den Koran – keine Mathematik, keinen Geschichtsunterricht, keine Geographie oder Kunsterziehung. „Deswegen versuchen wir nun in speziellen Kursen für diese Kinder die“ Bildungslücken zu schliessen. Wir unterstützen auch Jugendliche, die schwere körperliche Arbeit verrichten müssen oder unter Gewalt leiden. Wir bieten Physiotherapie für Menschen mit Beeinträchtigungen. Und wir arbeiten mit Psychologinnen und Psychotherapeutinnen zusammen.“

Bischof und Grossmufti von Aleppo als Schutzherren

Die Initiative „Ein Name – eine Zukunft“ wird unterstützt vom Bischof von Aleppo, Monsignore Abou Khazen, und dem Grossmufti von Aleppo, Mahmoud Akkam. „Das Ziel unseres Projektes,“ berichtet der Bischof, „ist das Vertrauen der Kinder in die Zukunft wiederherzustellen. Einige Kinder, die ich kennengelernt habe, waren so traumatisiert, dass sie nicht sprechen konnten. Nachdem wir sie in unserem Zentrum willkommen geheissen haben, haben sie das Vertrauen ins Leben zurückgewonnen, ihr Blick hat sich verändert, das Lächeln ist in ihre Gesichter zurückgekehrt. Für mich und meinen Freund, den Grossmufti, ist es eine grosse Freude zu sehen, wie diese Menschen wieder aufblühen. Es ist ein Versprechen auf eine Zukunft, wo der Horizont auf einmal hell aufleuchtet, der so lange schwarz und dunkel geblieben ist.“

Hoffnung für traumatisierte Kinder

Der Krieg in Syrien ist noch lange nicht zu Ende. Sehr viele Kinder sind durch all die Erfahrungen von Gewalt und Zerstörung in ihren Orten, aber auch in ihren Familien, schwer traumatisiert. Ihnen will das Projekt der griechisch-katholisch melkitischen Kirche in Syrien, das der Schweizerische Heiligland-Verein mit seiner diesjährigen Herbstaktion unterstützt, helfen.

 

Unter anderem mit Musik und Zeichnen lernen 200 traumatisierte Kinder, ihre Gefühle auszudrücken und das Erlebte zu verarbeiten.

 

Nach sieben Jahren ist der Syrienkrieg weltweit einer der grössten humanitären Krisen mit schweren Menschenrechtsverletzungen. Kinder gehören dabei zu den Hauptleidtragenden des immer noch schwelenden Bürgerkriegs. Beinahe 6,8 Millionen Menschen sind von den Auswirkungen dieses Kriegs betroffen. 4,25 Millionen Menschen sind innerhalb des Landes von ihrem Zuhause vertrieben, darunter 3,1 Millionen Kinder. 30 000 Kinder wurden seit 2011 getötet. 6 Millionen Kinder in Syrien sind direkt oder indirekt Opfer von Gewalt, Entführung, Folter, Hunger, fehlender medizinischer Versorgung oder sexuellen Übergriffen.

Der Krieg trägt das Elend in jede Familie
Der Krieg tötet nicht nur Menschen und zerstört ganze Städte, seine Konsequenzen reichen weit in jede Familie, in jedes Kind, in jeden Erwachsenen hinein. So beobachten die Verantwortlichen der griechisch­katholisch melkitischen Kirche eine Zunahme der häuslichen Gewalt wegen sinkender Einkommen der Eltern, wegen sehr beengter Wohnverhältnisse, wo sich zum Teil mehrere Familien Wohnräume teilen müssen oder wegen zerstörter Infrastruktur. Kinder leben in äusserst prekären Verhältnissen, haben Angst vor ihren überforderten Eltern, werden vernachlässigt oder können die Schule nur unter schwierigen Bedingungen besuchen.

Schulen waren immer wieder Ziele gewaltsamer Angriffe oder wurden als Schutzschilde missbraucht. Von den 21 000 öffentlichen Schulen dienen über 240 Schulen als Notunterkünfte. Zahlreiche Schulen sind ganz oder teilweise zerstört, darunter auch viele Bildungs- und Berufsausbildungseinrichtungen. Die Schulen in den Städten sind überfüllt, kommen doch auch die Kinder aus den Vorstädten und die Kinder der intern Vertriebenen hier zu Schule. Der Unterricht erfolgt im Schichtbetrieb; morgens die Kinder aus der Region, danach die Flüchtlingskinder. Wobei lange nicht alle Flüchtlingskinder eine Schule besuchen, sei es, weil die Eltern sie aufgrund der instabilen Lage nicht zur Schule schicken wollen oder die Schulkosten (Bücher, Schuluniform usw.) nicht bezahlen können, sei es, weil sie arbeiten müssen.

Traumatisierten Kindern soll geholfen werden

Das vorliegende Projekt der melkitischen Kirche konzentriert sich auf die psychologische Behandlung von Kindern und Jugendlichen von 6 bis 18 Jahren in Privatschulen. Mit speziellen Filmen und durch Aktivitäten wie Malen, Zeichnen, Basteln, Puppentheater, Musik oder handwerklichen Tätigkeiten lernen die Kinder, ihre Gefühle auszudrücken und das Erlebte zu verarbeiten. In einem ersten Schritt werden 200 schwer traumatisierte Kinder in Damaskus ausgewählt: Kinder, die aus vertriebenen Familien stammen, die in sozial und gesundheitlich prekären Lebenssituationen leben: Kinder, die Angehörige verloren haben, Kinder, die aus Familien kommen, die allein von Frauen geführt werden; Kinder, die Opfer von körperlicher und psychischer Gewalt sind sowie Kinder, die an chronischen Krankheiten leiden. Ein äusserst kleiner Tropfen auf den sehr heissen Stein – aber immerhin ein Tropfen! Die Arbeit mit diesen Kindern wird genau verfolgt und überprüft. Verbessern sich die Lebensverhältnisse dieser Kinder? Können sie ihren Alltag besser meistern und sich gewaltfreier ausdrücken?
Gleichzeitig werden Lehrerinnen und Lehrer sowie Betreuende sensibilisiert und durch Fachleute geschult, damit sie Auffälligkeiten erkennen und entsprechend reagieren können.

Die Projektkosten für ein Schuljahr (8 Monate) werden mit rund 45 000 Franken veranschlagt. Darin enthalten sind Personal- und Administrationskosten, Ausbildungskosten für 25 Lehr- und Betreuungspersonen, Miete und Einrichtung, Computer- und Materialkosten, Transporte, Schulessen für die Kinder, Material für Therapiezwecke (Puppentheater, Zeichen- und Malutensilien, Bastelmaterial usw.). Pro Monat ergibt dies Gesamtkosten pro Kind in der Höhe von 30 Franken. Die Ausbildungskosten für eine Lehrperson liegen bei knapp 100 Franken, die Therapiekosten (Material, Essen) für ein Schuljahr pro Kind bei knapp 30 Franken.

Von Metropolit Nicolas Antiba unterstützt
Metropolit Nicolas Antiba aus Damaskus hat an der Generalversammlung 2018 des Schweizerischen Heiligland-Vereins in Aesch BL über die aktuelle Lebenssituation der Menschen und im speziellen über die der Christinnen und Christen berichtet. Er hat dem Schweizerischen Heiligland-Verein das vorliegende Projekt unterbreitet und bittet um Unterstützung: im Spenden, im Beten, im Wahrnehmen der Situation der Menschen in Syrien.

 

Spendenvermerk: Traumatisierte Kinder in Syrien

 

Bauen für eine neue Zukunft

«Es war notwendig, der Situation mit Mut und Stärke zu begegnen»

 

Der Name ist Programm: Bauen, um zu bleiben. Aleppo, die einst so lebendige Millionenstadt im Norden Syriens mit ihrer illustren Geschichte und ihrem traumhaft schönen Bazar – sie wurde grossflächig in den ver­gangenen Jahren zerstört. Nun wird vieles wiederaufgebaut. Mit dabei ist auch das Bistum Aleppo unter Erzbischof Jeanbart. «Built to stay», «Auf­gebaut um zu bleiben» ist der treffende Name für dieses grosse Projekt.

 

Was stimmt nun? «Die Lage in Syrien ist verheerend», heisst es im Artikel von SHLV-Präsident Andreas Baumeister auf Seite 8. Oder stimmt das, was der Erzbischof von Aleppo, Msgr. Jeanbart, den die Situation in seiner Stadt an das Gleichnis vom Senfkorn denken lässt? Wohl beides. In einer solchen Situation, wie sie die Menschen in Syrien leben müssen, kann trotzdem vieles wachsen. Solche Initiativen unterstützt der Schweizerische Heiligland-Verein. Doch das soll unseren Blick nicht trüben. Weiterhin ist die Lage im Land «verheerend». Zudem verlassen auch immer mehr Christinnen und Christen das Land, in dem Paulus seine Bekehrung erlebte, in dem (sehr wahrscheinlich) das Matthäus-Evangelium geschrieben wurde, das Land, in dem Menschen, die an Christus glaubten, zum ersten Mal als «Christen» bezeichnet worden waren.

 

Leider nicht möglich: ein Spaziergang durch Aleppo

Es wäre schön, wenn wir mit Erzbischof Jeanbart durch Aleppo streifen und all das besichtigen könnten, das im Rahmen von «Built to stay» erarbeitet und aufgebaut wird. Es wäre spannend, könnten wir all die Menschen treffen, die sich im Rahmen dieser Projekte engagieren, und es wäre beeindruckend, Frauen und Männer und Kinder zu begegnen, denen so geholfen werden kann. Und sicher würde Erzbischof Jeanbart uns auch noch die eine oder andere Sehenswürdigkeit dieser wunderbaren Stadt Aleppo zeigen … doch das meiste ist zerstört: neben den vielen Wohnungen auch zum Beispiel die uralte Omajadenmoschee mit ihrem markanten Minarett oder der weltberühmte Suk … Ein solcher Gang durch die Stadt ist nicht möglich.

Ja, in dieser verheerenden Lage bauen Menschen vieles auf, um zu bleiben, nicht um wegzugehen. Dank dem Mut und dem Vertrauen von Menschen wie Erzbischof Jeanbart und seiner Helferinnen und Helfer.

Begonnen im Jahre 2015 …

«Built to stay» begann im Jahre 2015, also mitten in der Zeit des Krieges. Zwei Jahre später zog Erzbischof Jeanbart eine erste Bilanz.

Und Jean-Clément Jeanbart ist zuversichtlich. «Built to stay», «Aufgebaut um zu bleiben» will Zeichen setzen. Und tut dies auch. Denn, so Erzbischof Jeanbart selbstkritisch, «bisher haben wir Priester und Seelsorger uns darauf beschränkt zu reden, dass Christinnen und Christen und ihr Land Syrien nicht verlassen sollten». Aber nun sei der Zeitpunkt gekommen zu handeln, damit die Menschen und insbesondere die Christinnen und Christen in diesem Land eine Zukunft hätten, die es ihnen erlaubt zu bleiben. «Seit Beginn des Krieges im Jahre 2011 haben wir ihnen beim Überleben zu helfen versucht.» Doch all ihr Engagement hätte es nicht vermocht, die Gefahr für Leib und Leben zu bannen. «Es war notwendig, etwas anderes zu tun und der Situation mit Mut und Stärke zu begegnen.»

Klare Ziele genannt

Die Gruppe von Priestern und Laien rund um den Erzbischof einigte sich zu Beginn ihrer Arbeit auf unter anderem folgende Ziele:

–  Sammlung von möglichst vielen Mitarbeitenden
–  Durchführung einer Informations- und Sensiblisierungskampagne
–  Mithilfe von Think Tanks und Forschung die tatsächlichen Bedürfnisse zu ermitteln
–  Sofortiger Start der dringendsten Projekte wie dem Wiederaufbau von Häusern, aber auch das Wiedereröffnen von Betrieben und Werkstätten
–  Baldige Errichtung eines Notfonds und Schaffung eines Solidaritätfonds
–  Erstellung eines Plans für mittelfristig bedeutende Entwicklungsprojekte: Wohnungen. Bildungseinrichtungen, Kooperativen und soziokulturelle Zentren, medizinische Kliniken und Apotheken.

Breit abgestützt und sorgfältig aufgegleist: das ist die Aktion «Built to stay» von Aleppo.

Drei Phasen, die dritte nach dem Krieg

Drei Phasen kenne der Plan, so der Erzbischof. Begonnen hätten sie mit einem Berufsausbildungsprojekt im Baugewerbe. Der Bereich des Wiederauf baus sei der einzige, der Arbeitsplätze schaffen konnte. Schreiner, Hüttenarbeiter, Elektriker, Klempner und Aluminiumarbeiter: diese fünf Kurse werden momentan mit grossem Erfolg geführt. Auch das zweite Projekt kommt Handwerkern zu Gute: sie erhalten kleine, zinslose Kredite. So können sie wieder zu Arbeit kommen und sind nicht mehr von Almosen anderer abhängig. Erzbischof Jeanbart schreibt: «Diese erste Phase wurde dank der Unterstützung verschiedener Hilfsorganisationen in der Schweiz und den USA weitgehend realisiert.»

In einer zweiten Phase, die momentan läuft, soll eine Art Day Medicare Center, also eine Tagesklinik, eröffnet werden. «Ein medizinisches Versorgungsprogramm», so Erzbischof Jeanbart, «wird heute dringend benötigt.» Daneben wird auch der Aufbau eines Kommunikationszentrums vorangetrieben werden, der die Christinnen und Christen mit ihrem Hintergrund verbinden will, sie somit ermutigen will, in diesem religiös (früher) sehr vielfältigen Land zu bleiben.

Und in einer dritten und letzten Phase, die aber erst nach dem Ende des Kriegs beginnen kann, sollen verschiedene Wohnhäuser für junge Famlien gebaut werden und es sollen Schulen wiederhergestellt werden.

«Built to stay» – Menschen werden ermutigt, in Aleppo zu bleiben

Einblick in eine Realität, die verheerend und doch hoffnungsvoll ist

Wir konnten nicht durch Aleppo laufen, konnten keine Menschen, die sich mit «Built to stay» vielfältig für den Wiederauf bau der Stadt einsetzen treffen. Aber wir konnten dank Jean-Clément Jeanbart doch einen Einblick erhalten in eine Realität in Syrien, die der SHLV – und damit Sie als Spenderinnen und Spender – mittragen, durch Beten, Begegnen und Spenden als die drei Säulen der Solidarität, wie es die Schweizer Bischöfe in ihrem Brief zum Karwochenopfer 2018 geschrieben haben.

 

Spendenvermerk: Bauen, um zu bleiben, Aleppo

«Centre Al-Mukhales» in Homs

Ihr macht das, was wir nicht zu machen wussten – In Syrien herrscht seit mehr als sechs Jahren ein Krieg, der unglaubliches Leid und Zerstörung gebracht hat. 8 Millionen Männer, Frauen und Kinder wurden als Binnenflüchtlinge gezählt. 4,5 Millionen Menschen leben in belagerten und schwer zugänglichen Gegenden. 1,5 Millionen Menschen wurden verletzt, 250 000 getötet – Zahlen, die schon längst wieder überholt sind. Niemand hat mehr einen (nicht einmal statistischen) Überblick über all das Leid, das über die Menschen in Syrien seit dem 15. März 2011 hereingebrochen ist.

Seither erreichen uns unzählige auch sehr widersprüchliche Bilder aus diesem Land: auf der einen Seite lachende Kinder (siehe auch auf der Rückseite dieses Heftes), andererseits zerbombte Städte, verzweifelte Menschen. P. Magdi Seif, Jesuit in Homs, sagt: «Die Situation ist völlig unklar und verwirrend. Dein Freund von heute kann morgen schon dein Feind sein.» Und: jedes Bild aus Syrien ist Teil der Wahrheit.

P. Magdi Sejf ist ein alter Bekannter des SHLV. Bereits in Ägypten, seiner vorherigen Arbeitsstätte, war er in ständigem Kontakt mit dem Heiligland-Verein. Nun wirkt er in der momentan einigermassen ruhigen Stadt als Nachfolger von P. Ziad Hilal SJ.

… aber dann wirkte die Mundpropaganda!

Homs ist die drittgrösste Stadt in Syrien und hat eine Million Einwohner. Das «Centre Al-Mukhales» (Saint-Sauveur) wurde von den Jesuiten als Katechismus-Zentrum gegründet und wird von den Schwestern vom Heiligen Kreuz geführt. Zu Beginn des syrischen Bürgerkrieges entstand der Wunsch, den Kindern von Homs, die darum baten, weiterhin Schulunterricht zu geben und ihnen dabei den Gedanken von Frieden und Versöhnung nahezubringen. Im April 2012 wurde das «Centre Al-Mukhales» zu einem Ort der Bildung und der psychosozialen Unterstützung.

Anfangs kamen nur einige Jugendliche aus dem Quartier, aber dann wirkte die Mundpropaganda. Mit Unterstützung des Flüchtlingshilfsdienstes der Jesuiten (Jesuit Refugee Service – JRS) startete das Pilotprojekt mit 100 Kindern, kurz danach bereits mit 400 – und dies inmitten einer Kampfzone. Inzwischen gibt es elf eigene oder unterstützte Zentren in Homs und den umliegenden Dörfern, die insgesamt 3500 Kinder betreuen.

Hinaus zu den Familien

Die Arbeit ging weiter, über das Zentrum hinaus zu den Familien: Nahrungsmittelpakete werden verteilt, warme Kleider, Medikamente für Vertriebene und die Menschen aus den Quartieren. Momentan unterstützt der JRS jeden Monat mehr als 3000 Familien alleine in der Region von Homs. Dies dank einer Gruppe von 50 Freiwilligen und Angestellten, die Familien besuchen und ihre Bedürfnisse festhalten, Nahrungsmittel und Waren einkaufen und die Verteilung an die Bedürftigen sicherstellen. Auch die Bildungseinrichtungen erhalten Nahrungsmittel, Kleider für die Kinder, Schulmöbel und was sie sonst noch brauchen.

Lebensunterricht!

Die von Anfang an wichtigste Frage war, was den Kindern vermittelt werden sollte. Zu Beginn fand der klassische Schulunterricht statt, doch dieser wurde sehr schnell mit dem «Lebensunterricht» ergänzt, bei dem mittels Gesang, Theater oder Marionettenspielen den Kindern Nächstenliebe und Respekt vor dem andern nähergebracht werden. Diese Aktivitäten gingen auch während der Angriffe weiter. Gab es Beschiessungen, wechselten die Verantwortlichen mit den Kindern in den Keller, drehten die Musik auf, sangen und tanzten mit ihnen.

Viele junge Menschen haben ihre Arbeit verloren. Sie zu beschäftigen heisst, ihren Geist wach zu halten, ihnen ein Leben in Würde und ein Einkommen zu geben und damit ihre Familien zu unterstützen. Es sind mehr als 200 junge Männer und Frauen beschäftigt, aus allen Schichten und Glaubensrichtungen. Sie haben verschiedene Aufgaben und jede(r) erhält Ende des Monats einen Lohn.

Die Menschen sprechen wieder miteinander!

Dank diesem Projekt sind zahlreiche Flüchtlinge zurückgekehrt. In einigen Familien haben sich die Diskussionen verändert, Familienväter sagen: «Ihr macht das, was wir nicht zu machen wussten». Bei einem Schulfest nach Einführung des Unterrichts kamen alle Familien zusammen: Schiiten, Sunniten, Alawiten, Christen, um ein paar trockene Biskuits zu teilen. Es war ein einfacher Anlass, doch es war das erste Mal, dass die Menschen miteinander sprachen. Dieses Projekt ist ein Zeichen der Hoffnung in einer Stadt, die Frieden und Sicherheit sucht und davon träumt, eines Tages voller Liebe für sich und andere da zu sein.

Spendenvermerk: Zentrum Al-Mukhales, Homs

 

Mehr zum Zentrum Al-Mukhales in Homs.

P. Ziad Hilal SJ, der lange Zeit in Homs wirkte, hat vor vier Jahren die Generalversammlung des SHLV in Luzern besucht und über seine Arbeit berichtet.
Den von Christoph Klein für uns produzierten Film finden Sie hier.

Nächstenliebe und Lebensfreude

„Die Kirchen sind heute die einzigen Orte, wo allen geholfen wird, Christen und Muslimen.“ In Syrien herrscht seit bald sechs Jahren ein Krieg, der unglaubliches Leid und Zerstörung gebracht hat. Inzwischen werden 8 Millionen Männer, Frauen und Kinder als Binnenflüchtlinge gezählt. 4,5 Millionen Menschen leben in belagerten und schwer zugänglichen Gegenden. 1,5 Millionen Menschen wurden verletzt, 250 000 getötet.

Wir hören Berichte über Aleppo, das seit längerem stark umkämpft ist, dass hier „die Entscheidungsschlacht stattfinden“ werde. Die Fronten der sich bekämpfenden Gruppierungen
verschieben sich ständig, dazwischen aufgerieben werden die dort lebenden Menschen. Die Lebenssituation ist extrem schwierig.

Homs hat das ebenfalls „durchgemacht“, beginnt jetzt langsam wieder zu atmen. Damaskus ist Auffangstadt für Vertriebene aus dem ganzen Land. Der Hauran im Süden ist geteilt, „wie Beirut damals im Bürgerkrieg“. Im Vallée des Chrétiens haben bereits 8000 christliche Familien Zuflucht gefunden, 3000 weitere Familien sind auf dem Weg dorthin.

Die Menschen haben Angst, sind erschöpft. Viele haben Syrien verlassen, andere suchen im Land Schutz für sich und ihre Angehörigen. Unzählige Familien sind auf Unterstützung angewiesen. Der Flüchtlingsdienst der Jesuiten (JRS) bietet, zusammen mit andern Organisationen, in mehreren Städten Unterstützung mit Notunterkünften, Feldküchen und Ambulatorien mit Medikamentenabgaben. Sie leisten kompetente Kinderund Jugendarbeit und fördern behinderte Kinder, bieten psychosoziale Hilfe für Kinder und Erwachsene an und unterstützen Frauengruppen und Studierende.

Letztes Jahr halfen wir mit, dass im Hauran Saatgut und Dünger gekauft und die Felder wieder bestellt werden konnten. Wir unterstützten den Kauf von Heizöl, denn die Winter sind kalt, wir überwiesen Gelder für Nothilfe, damit Lebensmittel, Artikel des täglichen Lebens, Medikamente, Kleider gekauft oder Unterkünfte bezahlt werden konnten. All dies konnten wir dank Spenden, Ihren Spenden, leisten.

Der Krieg in Syrien dauert an. Wir wollen unsere Projektpartner nicht alleine lassen, sie brauchen weiterhin unsere Unterstützung.
Danke, dass Sie uns unterstützen.

Spendenvermerk: Helfen mit Herz – für Syrien

Landwirtschaft im Hauran

Das Erzbistum Bosra, Hauran und Jabal al-Arab ist das ärmste im ganzen Patriarchat. Es gibt immer mehr Arbeitslose. Verarmte Familien klopfen an die Tür des Bischofshauses und bitten um Geld für ihre Kinder und ihren Lebensunterhalt. Junge Familien verlassen das Land; allein aus Khabab sind bereits 400 in den Libanon oder die Türkei weggezogen. Die Situation der Flüchtlinge und Vertriebenen ist prekär.

Fruchtbares Land

Auf den rund 300 Hektaren Land des Erzbistums könnten Weizen und Hafer angebaut und Kichererbsen geerntet werden. Falls das Klima mitspielt und die Regierungstruppen und Rebellen es erlauben. Der Herbst (Ende November bis Anfang Januar) ist die beste Jahreszeit, um die Erde auf die Saat vorzubereiten. Seit zwei Jahren bleiben die Böden trocken. Dies verschlimmert die finanzielle Lage, denn die Erträge aus der Landwirtschaft werden dringend gebraucht. Vor kurzem konnte ein neuer Brunnen gebohrt werden, als Ersatz für einen zerstörten. Die zwei Brunnen mit Pumpen laufen nicht, da kein Strom vorhanden ist.

Ernteausfall und Rebellen

Die Erntezeit beginnt normalerweise Anfang Juni, der Ertrag wird zu einem fixen Preis an staatliche Händler verkauft. Für die Arbeiten werden Leute aus der ganzen Umgebung engagiert, auch Beduinen. Ein Tagelöhner erhält pro Tag 1200 L.S., eine Tagesverpflegung kostet 500 L.S. Ein Liter Treibstoff kostet 150 L.S. Es sind zwei Traktoren im Einsatz, für die sie jedoch dringend Ersatzteile brauchen. Der Minibus für den Personentransport wurde von den Rebellen beschlagnahmt.

Alte Bäume müssen ersetzt werden

Es gibt einige Fruchtbäume, die Reben und Olivenbäume sollten ersetzt werden. Auch Gemüse könnte gezogen werden, wenn es die Sicherheitslage erlauben würde. Denn die bleibt schwierig, man muss aufmerksam die Bewegungen der Kriegsparteien beobachten. Oft sind Granaten zu hören, und dann müssen sich alle sofort in Sicherheit bringen.

Steigende Preise

Die Preise steigen ständig, das syrische Pfund hat stark an Wert verloren. Für einen Dollar gibt es momentan 275 syrische Pfund (L.S.), für einen Euro 305. Ein Sack Saatgut (50 kg) für Weizen oder Hafer kostet zwischen 70 und 80 L.S., ein Kilo Kichererbsen 125 L.S. Eine Tonne Dünger kostet je nach Zusammensetzung 60 000 bis 100 000 L.S. Wir möchten mithelfen, dass die Felder im Hauran wieder bestellt werden können. Wir können den Menschen keine Sicherheit geben, aber die finanziellen Mittel, damit sie Saatgut, Dünger usw. kaufen und die Arbeiter bezahlen können.

Spendenvermerk: Landwirtschaft im Hauran

Alltag im Krieg – über Verlust und Hoffnung

Der melkitische Bischof Jean-Clément Jeanbart schreibt: „Ich komme gerade von einer Amerika-Reise. In Aleppo erwartete mich der grosse Schock. Der Bischofssitz ist zerstört, die Kathedrale stark beschädigt! Die Gebäude wurden vor über 200 Jahren errichtet und erst vor wenigen Jahren renoviert. Ich kann Ihnen meinen Schmerz und meine Trauer ob dieser Katastrophe nicht beschreiben. Ich bin nur froh, dass alle meine Priester unverletzt und in Sicherheit sind.

Der Angriff der Rebellen fand einen Tag nach der Gedenkfeier zum Genozid an den Armeniern statt. Ein Bombenhagel ging auf unsern Stadtteil nieder, in dem viele Christen leben und zahlreiche Kirchen stehen. Seit zwei Wochen sind meine Priester und Mitarbeitenden daran, möglichst viel aus den Trümmern zu bergen. Ich kümmere mich um die Archive, die Ikonen, Manuskripte, um alles, was wertvoll, wichtig und unersetzbar ist. Seit zwei Tagen versuche ich, zu Atem zu kommen und stark zu sein, damit ich den Menschen um mich herum Mut zusprechen kann. Doch Sie verstehen bestimmt, dass ich unter diesen Umständen nicht so funktioniere, wie ich eigentlich sollte. Ich gebe mein Bestes, um für die Priester und die Gläubigen da zu sein; ich spüre, dass sie mehr denn je Nähe und Schutz brauchen.

Meine Räume sind kaputt, das Sekretariat ausser Betrieb, die Verwaltungs- und Büroarbeiten funktionieren nur mangelhaft. Also muss ich dringend neue Büros finden, meine Dossiers wieder herstellen und mich so rasch wie möglich organisieren. Die Situation ist schwierig und verlangt von uns allen grosse Flexibilität.“

Und dann beschreibt er noch den momentanen Alltag. „Am letzten Sonntagmorgen habe ich eine Trauerfeier für einen Mitarbeiter gehalten. Ein Märtyrer mehr. Am Nachmittag habe ich an einer Gedenkfeier an einer unserer Schulen teilgenommen. Der Herr hat mir geholfen, tröstende Worte für die verwundeten Herzen zu finden und ihnen Mut zuzusprechen. Heute Abend besuchen wir ein Konzert mit byzantinischen Gesängen. Hoffentlich gibt es nicht wieder Angriffe, wie wir sie seit Ostern immer wieder erleben.

Wir bezahlen unsere Anwesenheit in unserem geliebten Land sehr teuer. Doch wir wissen auch, dass, wenn denn Frieden einkehrt und die Freiheit gewonnen ist, die Zukunft für die jüngeren Generationen besser sein wird. Doch bis dahin fallen weiterhin jeden Tag Bomben vom Himmel.

Wir wissen nicht, wann dieser so sehr erhoffte Frieden kommen wird. Darum bitten wir den Herrn, denn seine Liebe und Barmherzigkeit sind unaussprechlich gross. Bitte beten Sie mit uns – Ihre Gebete sind uns eine grosse Unterstützung.“ Die Situation in diesem schwer geprüften Land ist katastrophal, die Nachrichten deprimierend. Trotz allem halten die Menschen zusammen, kämpfen ums Überleben, ihre Heimat, ihr Erbe und ihre Zukunft. Wir dürfen sie nicht alleine lassen. Zeigen wir ihnen unsere ungebrochene Solidarität, indem wir sie finanziell, mit unsern Gedanken und im Gebet unterstützen.

Spendenvermerk: Solidarität für Aleppo

Hoffnung für die Kinder von Homs

Homs ist die drittgrösste Stadt in Syrien und hat eine Million Einwohner. Das „Centre Al-Mukhales“ (Saint-Sauveur) wurde von den Jesuiten als Katechismus-Zentrum gegründet und wird von den Schwestern vom Heiligen Kreuz geführt. Es liegt in Al-Adwya nahe beim Stadtzentrum und ist die einzige verbliebene von vorher fünf Einrichtungen.



Anfang 2011, im Zuge des Arabischen Frühlings, brach in Syrien ein blutiger Konflikt aus: inmitten der Zivilbevölkerung bekämpfen sich seither zwei gegnerische Parteien. Dieser Konflikt hat das Leben aller durcheinandergebracht. Homs war während des erstens Jahres am stärksten von den Kampfhandlungen und Bombardierungen betroffen, und sie dauern an. Gegen 70 Prozent der Bevölkerung flohen aus Homs, und die meisten Schulen wurden geschlossen.

So entstand der Wunsch, den Kindern von Homs, die darum baten, weiterhin Schulunterricht zu geben und ihnen dabei den Gedanken von Frieden und Versöhnung nahezubringen. Im April 2012 wurde das «Centre Al-Mukhales» zu einem Ort der Bildung und der psychosozialen Unterstützung. Anfangs kamen nur einige Jugendliche aus dem Quartier, aber dann wirkte die Mundpropaganda. Mit Unterstützung des Flüchtlingshilfsdienstes der Jesuiten (JRS) startete das Pilotprojekt mit 100 Kindern, kurz danach bereits mit 400 – und das inmitten einer Kampfzone. Inzwischen gibt es elf eigene oder unterstützte Zentren in Homs und den umliegenden Dörfern, die insgesamt 3500 Kinder betreuen.

Aus der Arbeit mit den Kindern heraus entstand die materielle Hilfe für Familien. Es werden Nahrungsmittelpakete verteilt, warme Kleider, Medikamente für Vertriebene und die Menschen aus den Quartieren. Momentan unterstützt der JRS jeden Monat mehr als 3000 Familien alleine in der Region von Homs. Dies dank einer Gruppe von 50 Freiwilligen und Angestellten, die Familien besuchen und ihre Bedürfnisse festhalten, Nahrungsmittel und Waren einkaufen und die Verteilung an die Bedürftigen sicherstellen. Auch die Bildungseinrichtungen erhalten Nahrungsmittel, Kleider für die Kinder, Schulmöbel und was sie sonst noch brauchen.

Die von Anfang an wichtigste Frage war, was den Kindern vermittelt werden sollte. Zu Beginn fand der klassische Schulunterricht statt, doch dieser wurde sehr schnell mit dem „Lebensunterricht“ ergänzt, bei dem mittels Gesang, Theater oder Marionettenspielen den Kindern Nächstenliebe und Respekt vor dem andern nähergebracht werden. Diese Aktivitäten gingen auch während der Angriffe weiter. Gab es Beschiessungen, wechselten die Verantwortlichen mit den Kindern in den Keller, drehten die Musik auf, sangen und tanzten mit ihnen.

Vor dem Konflikt führten die Jesuiten zwei Heime für behinderte Kinder. Beide wurden zerstört. Doch sie gaben nicht auf und betreuen heute erneut 35 junge geistig Behinderte, die zusammen mit den andern Schülerinnen und Schülern in einer schönen und friedlichen Atmosphäre leben.

Viele junge Menschen haben ihre Arbeit verloren. Sie zu beschäftigen heisst, ihren Geist wach zu halten, ihnen ein Leben in Würde und ein Einkommen zu geben und damit ihre Familien zu unterstützen. Es sind mehr als 200 junge Männer und Frauen beschäftigt, aus allen Schichten und Glaubensrichtungen. Sie haben verschiedene Aufgaben und jede(r) erhält Ende des Monats einen Lohn.

Dank diesem Projekt sind zahlreiche Flüchtlinge zurückgekehrt. In einigen Familien haben sich die Diskussionen verändert, Familienväter sagen: „Ihr macht das, was wir nicht zu machen wussten“. Bei einem Schulfest zwei Monate nach Einführung des Unterrichts kamen alle Familien zusammen: Schiiten, Sunniten, Alawiten, Christen, um ein paar trockene Biskuits zu teilen. Es war ein einfacher Anlass, doch es war das erste Mal, dass die Menschen miteinander sprachen. Dieses Projekt ist ein Zeichen der Hoffnung in einer Stadt, die Frieden und Sicherheit sucht und davon träumt, eines Tages voller Liebe für sich und andere da zu sein.

P. Ziad Hilal SJ schreibt über die letzten paar Wochen: „Homs ist nicht mehr sicher. In den letzten zwei Monaten hat sich die Situation in unserer Stadt stark verändert, sie kommt nicht mehr zur Ruhe. Anfangs Juni explodierte eine Bombe wenige Meter vom Eingangstor unseres Zentrums entfernt, es gab in der Nachbarschaft Tote und zahlreiche Verletzte. Etwas später schlugen in der Nähe Granaten ein und anfangs Juli gingen in der Einkaufsstrasse Autobomben hoch. Die Altstadt wird weiterhin belagert, und es wird gekämpft. Die Zerstörung ist unbeschreiblich gross. Niemand kommt mehr rein, niemand kann mehr Hilfe bringen, auch das Rote Kreuz ist gescheitert. Wir fühlen uns ohnmächtig; alles, was wir tun können, ist, den Kontakt zu halten und allen Mut und Geduld zuzusprechen.

Die humanitäre Arbeit geht trotzdem weiter. In den letzten zwei Monaten konnten mehr als 5000 Familien mit Lebensmitteln und anderem mehr versorgt werden.

Die Kinder zeichnen ihre Heimat wie sie in Zukunft aussehen könnte oder sollte. Träumen bedeutet Hoffnung haben, und dies drücken sie auch durch Theater, Gesang und Handarbeiten aus. Die Kinder überwinden die Gewalt der Erwachsenen und gestalten ein leuchtendes Morgen. Ein Grundvertrauen, nach dem sich die Erwachsenen zurücksehnen.“

Spendenvermerk: Hoffnung für die Kinder von Homs

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