Geschichte

Am Anfang stand ein über 500-köpfiger Pilgerzug nach Jerusalem

120 Jahre Schweizerischer Heiligland-Verein

Die Vereinsgeschichte des Schweizerischen Heiligland-Vereins reflektiert die vielfältigen kirchlichen, gesellschaftlichen, lokal- und weltpolitischen Veränderungen des 20. Jahrhunderts – sowohl in der Schweiz als auch in Palästina und im Nahen Osten. Zum Auftakt unseres 120-Jahr-Jubiläums werfen wir einige Blitzlichter auf das spannende Werden und Wirken des «Verein Schweizerischer Jerusalempilger».

Als der Vitznauer Pfarrer Niklaus Bättig am 28. Oktober 1901 zusammen mit zehn weiteren Jerusalempilgern – allesamt Kleriker – in Zürich den «Verein Schweizerischer Jerusalempilger» (VSJP) gründete, nannte er als Vereinszweck: Kenntnis des Heiligen Landes, Freundschaft der Jerusalempilger, Abhaltung von Volkswallfahrten, Unterstützung von Priestern, die das Heilige Land studieren wollen, Weckung des Interesses für die katholischen Werke Palästinas und das Gebet für Palästina. Nach Festlegung der Statuten und Konstituierung des Vorstands machte man sich sogleich daran, einen «Schweizerischen Pilgerzug» ins Heilige Land zu planen. Die Umsetzung dieses Vorhabens nahm jedoch noch fast zwei Jahre in Anspruch.

 

120 Jahre Schweizerischer Heiligland-Verein – Pilgerinnen und Pilger der Jungfrauen­kongregation aus Steinerberg.
Pilgerinnen und Pilger der Jungfrauen­kongregation aus Steinerberg.

 

Mobile Altäre auf dem Hinterdeck
An der ersten «Schweizerischen Volkswallfahrt ins Heilige Land» im September 1903 nahmen 515 Pilgernde teil – darunter 170 Frauen und 121 Priester. Die Pilgerschar wurde in fünf nach Kantonen geordnete Gruppen eingeteilt, die jeweils von einem «Gruppenspiritual» geleitet wurden. Zwei Drittel der dreiwöchigen Reise verbrachten die Pilgerinnen und Pilger an Bord eines Schiffes auf dem Mittelmeer, wo auf dem Hinterdeck täglich ab vier Uhr morgens an zwölf mobilen Altären Heilige Messen zelebriert wurden. Nur gerade acht Tage dauerte der Aufenthalt in Jerusalem, der von Besuchen an heiligen Stätten sowie Andachten und Gottesdiensten geprägt war. Auf eigene Rechnung konnten die Wallfahrenden einen Tagesausflug nach Emmaus, Hebron, Jericho und ans Tote Meer unternehmen.

 

120 Jahre Schweizerischer Heiligland-Verein – Zweite Gruppe von fünf für die erste Schweizer Heiliglandfahrt.
Zweite Gruppe von fünf für die erste Schweizer Heiliglandfahrt.

 

1908 drohte die zweite «Schweizerische Heiliglandfahrt» an zu geringer Beteiligung zu scheitern – im Vereinsorgan «Pilgerbrief» redete der Vorstand den Mitgliedern ins Gewissen: «… es wäre in der Tat eine Schmach, wenn wir nicht 500 katholische Schweizer für Jerusalem aufbrächten! So viel Begeisterung für die heiligsten Stätten der Erde wird hoffentlich noch in unserm Vaterlande zu finden sein!» Schliesslich trafen die nötigen 500 Anmeldungen ein und die grosse Pilgerschar konnte ins Heilige Land aufbrechen. Die für 1913 geplante, schliesslich auf 1914 verschobene dritte «Schweizerische Heiliglandfahrt» konnte wegen mangelndem Interesse und dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges nicht mehr stattfinden.

Zeitschrift im Wandel
Die Heiliglandfahrten bildeten während Jahren einen zentralen Inhalt des «Pilgerbrief». In den zwei bis vier jährlichen Ausgaben wurden ausführliche Reiseberichte publiziert und intensiv für die Teilnahme an der nächsten Pilgerreise geworben. Von Anfang an gehörten auch Berichte über die Geschehnisse in Palästina zu den Inhalten des «Pilgerbrief». So informierte zum Beispiel der Schweizer Benediktinerpater Mauritius Gisler, der in den 1930er Jahren in der Dormitio Mariae auf dem Zionsberg in Jerusalem lebte, regelmässig über die Situation in der Stadt und in der Region. Später kamen immer mehr auch «einheimische» Stimmen dazu, zumeist Vertreter der römisch-katholischen oder einer orientalischen Kirche.

 

120 Jahre Schweizerischer Heiligland-Verein – Ausschiffung in Jaffa
Ausschiffung in Jaffa

 

Die Mitgliederzeitschrift hatte im Laufe der Jahrzehnte ganz unterschiedliche Gesichter, stets abhängig von der Persönlichkeit und den Interessen des Redaktionsteams. Als der «Pilgerbrief» 1972 neu konzipiert und fortan «Heiliges Land» genannt wurde, übernahm der Bibelwissenschaftler Walter Bühlmann die Leitung und setzte während zehn Jahren stark auf die Vermittlung von «Orten und Umwelt der Bibel». Später standen mehr und mehr die aktuellen Hilfsprojekte des Vereins und die konkrete Lebenssituation der christlichen Gemeinden und Gemeinschaften im Nahen Osten im Fokus der Zeitschrift.

8000 Mitglieder nach 25 Jahren
Wichtiges «Pilgerbrief»-Thema war stets auch das Werben neuer Mitglieder. Der erste Aktuar und Redaktor, Pfarrhelfer Dominik Kreienbühl, setzte mit detaillierten Statistiken auf den «Wettbewerb unter den Kantonen»: So erreichte der Kanton Zug im Jahr 1905 die verhältnismässig grösste Mitgliederzahl, weil von 119 Katholikinnen und Katholiken eine Person Mitglied des VSJP war!
Das erste Viertel der Vereinsgeschichte war denn auch bezüglich Mitgliederzahl eine Erfolgsgeschichte: 1910 traten mehr als 1000 Personen bei und im Jubiläumsjahr 1926 umfasste die Mit­gliederliste rund 8000 Namen. Weil die unsichere politische Lage und die kriegerischen Auseinandersetzungen über Jahre Volkswallfahrten in den Nahen Osten verunmöglichten, fehlte dem Verein – seit 1919 «Schweizerischer Heiligland-Verein» (SHLV) – die wichtigste Möglichkeit der Mitgliederwerbung. Nach dem Zweiten Weltkrieg zählte der SHLV noch 6000 Mitglieder, 1990 waren es 3000 und heute sind es noch 550. Bis 1958 betrug der Mitgliederbeitrag übrigens 1 bzw. 1.50 Franken, später zwischen 2 und 5 Franken. 1973 wurde die «immerwährende Mitgliedschaft» abgeschafft und der Mitgliederbeitrag auf 10 Franken erhöht. Heute sind es 60 Franken.

Wo die drei Könige niederknieten
Als eindrückliches Beispiel für die Veränderung «der Weltsicht» seit den Anfängen des SHLV sei zum Schluss aus dem Pilgerbrief Nr. 6 (1906) zitiert, wo das Glück des Jerusalempilgers gepriesen wird, der sich in Bethlehem mit eigenen Augen ein Bild von den weihnächtlichen Geschehnissen machen kann: «Beim Jerusalempilger nämlich sind jene unrichtigen Vorstellungen, welche er sich von Kindheit auf besonders hinsichtlich des Ortes der Geburt Jesu gemacht hatte, jetzt gründlich korrigiert (z. B. der obligate «Stall» mit dem Strohdach) (…) die diesbezüglichen Personen und Örtlichkeiten stellt er sich nicht bloss weit richtiger, sondern auch viel lebhafter vor: weiss er doch z. B. ganz genau die Stelle, wo das göttliche Kind zur Welt kam, wo es in der Krippe lag, wo die drei Könige knieten u. dgl.»

Boris Schlüssel, Oberwil ZG

 

Aufgearbeitet und eingeordnet
Dieser Artikel konnte dank der aufschlussreichen Diplomarbeit von Judith von Ah aus Thun verfasst werden. Die Theologin hat ihre Abschlussarbeit mit dem Titel «Kirchengeschicht­licher Rückblick auf die 100-jährige Tätigkeit des Schweizerischen Heiligland-­Vereins» im April 2000 bei Prof. Dr. Markus Ries, Professor für Kirchengeschichte an der Theo­logischen Fakultät Luzern, ein­gereicht.

«Vereinsgeschichte» in französischer Sprache (PDF)
«Vereinsgeschichte» in italienischer Sprache (PDF)

 

Die ersten Pilgerinnen und Pilger berichten

Immer nach der Heiligen Schrift

Pilgern und Wallfahrten sind Phänomene, die lange vor dem Christentum in vielen Kulturen auftauchen – auch im Judentum und in der griechisch-römischen Antike. Die christliche Heiligland-Wallfahrt konnte sich erst ab dem 4. Jahrhundert entwickeln. Ein Blick in die ältesten christlichen «Pilgerberichte».

 

Das Phänomen des Pilgerns im frühen Christentum wurde – wenig erstaunlich – stark geprägt von den jüdischen Wallfahrten zum Jerusalemer Tempel und den Pilgerströmen zu den kleinen und grossen Heiligtümern der grie­chisch-­römischen Antike. Einen starken Einfluss übte auch die Wallfahrtpraxis im vorislamischen arabischen Bereich aus: Die nomadisierenden Stämme versammelten sich im Frühling und Herbst zu Wallfahrtsfesten, die als «Jahrmärkte» vor allem ökonomisch, politisch und sozial von grosser Bedeutung waren. Hier wurde auch Gericht gehalten, wurden Urteile vollzogen, Verträge geschlossen. Neben religiösen Kultorten an Quellen, Bäumen, Steinstelen oder auf Bergen waren auch die Grabstätten «grosser Ahnen» Zielorte dieser Wallfahrtsfeste.

Kaiser Konstantin baute «neues Jerusalem»

Die ersten Christinnen und Christen pilgerten «weiterhin» nach Jerusalem zu den jüdischen Wallfahrtsfesten – zum Paschafest an Ostern oder zum Wochenfest an Pfingsten. Die Spannungen zwischen den judenchristlichen und den heidenchristlichen Strömungen, die Zerstörung des Jerusalemer Tempels im Jahr 70 nach Christus und die Diskriminierung und phasenweise Verfolgung von Juden und Christen im römischen Reich liessen eine «christ­liche» Heiligland-Pilgerfahrt zunächst gar nicht entstehen. Erst im 4. Jahrhundert gewannen Jerusalem als «Heilige Stadt» und Palästina als «Heiliges Land» für die Christenheit wieder religiöse und theologische Bedeutung. Kaiser Konstantin verwandelte durch seine rege Bautätigkeit das «alte Jerusalem» in ein «neues Jerusalem», in deren Zentrum die christliche Auferstehungskirche steht. Damals begannen die ersten christlichen Pilgerinnen und Pilger die heiligen Stätten im Heiligen Land aufzusuchen.

Pilgerzugsleitung: Dritte schweizerische Volkswallfahrt ins Heilige Land, April–Mai 1925

Eine ungeheure Interessenvielfalt

Dass von den ersten Palästina-Pilgernden kaum Zeugnisse existieren, hat verschiedene Gründe: Viele Christinnen und Christen gehörten zu den unter­privilegierten Schichten der Gesellschaft und konnten sich eine Pilgerreise nicht leisten. Eine Reise in den Orient bedeutete nicht nur eine finanzielle Herausforderung, sondern stellte auch höchste Ansprüche an die körperliche und geistige Verfassung. Davon berichtet der älteste lateinische Pilgerbericht, das «Itinerarium Burdigalense»: Der namenlose Pilger aus Bor­deaux machte sich im Frühling 333 auf ins Heilige Land und kehrte ein Jahr später zurück. In seinem «staubtrockenen» Reisebericht hat er sich für Hin- und Rückreise darauf beschränkt, die Namen aller römischen Poststationen aufzuzählen, dazu die Entfernungen in gallischen bzw. römischen Meilen. Dass der zahlenaffine Pilger mit dem «cursus publicus» – der hervorragend organisierten römischen Post – reisen konnte, deutet darauf hin, dass er ein römischer Bürger war, vielleicht sogar ein Staatsbeamter. Viel gesprächiger war in seinen Reisenotizen der – ebenfalls anonyme – «Pilger von Piacenza», der um 570 das Heilige Land besuchte. Er beeindruckt mit seiner ungeheuren Interessenvielfalt, die sich in seinem spannenden Reise­bericht wiederspiegelt: Charakter und Lebensverhältnisse der Menschen, Handel und Gewerbe, Landwirtschaft und Gartenbau, Landschaft, Kultur und Medizin. Sein Bericht gibt einen eindrücklichen Überblick über die christlichen Gebräuche und kirchlichen Bauten im Palästina des 6. Jahrhunderts und in den Nachbarländern – allein 43 Heiligengräber werden aufgeführt, zudem eine ausführliche Reliquienliste.

Einzug in die Heilig-Grab-Kirche, April–Mai 1925

Vier Jahre waren nicht genug

Der «Shooting Star» unter den frühen Palästina-Pilgernden ist aber Etheria (oder Egeria), die im späten 4. Jahrhundert eine fast vierjährige Pilgerreise durch Palästina, ins Ostjordanland und nach Syrien, in den Sinai und nach Ägypten unternommen hat – schliesslich machte sie noch einen «Abstecher» nach Mesopotamien. Die vermutlich aus Spanien stammende «fromme Dame» gestaltete ihre Reise «semper iuxta scripturas» – immer nach der Heiligen Schrift! Unermüdlich pilgerte Etheria von Pilgerstätte zu Pilgerstätte, fragte ihre «local guides» pausenlos und un­erbittlich nach konkreten Spuren des heiligen Geschehens. Ihre Pilgerreise erinnert an die «Schweizer Heiliglandfahrten» des jungen «Vereins schweizerischer Jerusalempilger»: Etheria reist nie allein, die Pilgergruppen führen ortsansässige Kleriker und Mönche, man reitet auf Eseln und geht kurze Strecken zu Fuss, des Öfteren werden Andachten gehalten und heilige Messen gefeiert … Am Schluss ihres ausführlichen Briefberichts für ihre «Mitschwestern» in Spanien, den sie auf dem Rückweg in Konstantinopel verfasst, deutet Etheria an, auf der Heimreise vielleicht noch Ephesus «und andere Stätten» zu besuchen. Wahrlich eine Pilgerin der Extraklasse.

Boris Schlüssel

«Vereinsgeschichte» in französischer Sprache (PDF)
«Vereinsgeschichte» in italienischer Sprache (PDF)

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